Ledige Kinder

Meine Großmutter hieß Katharina Danner und erblickte am 17. März 1865 in Berglern bei Erding das Licht der Welt. Soweit wäre alles in Ordnung gewesen; aber sie war halt ein "Bankert", ein lediges Kind, wie zuvor schon ihre Mutter und sogar ihre Großmutter eines gewesen sind. Da steckte bereits Tradition dahinter. Allerdings kam bei meiner Großmutter zu alledem noch hinzu, dass sie nicht das einzige ledige Kind ihrer Mutter war. Nein, sie war das vierte von insgesamt fünf ledigen Kindern. Drei ihrer Geschwister starben bald nach der Geburt. Sicher war man über deren Tod nicht besonders traurig und weinte ihnen auch nicht allzu viele Tränen nach. Vielleicht wurden ledige Kinder nach der Geburt sogar bewusst etwas nachlässig versorgt, um die "Schande und Kümmernis" loszuwerden Die Mutter meiner Großmutter war eine arme Bauernmagd und konnte ihre ledigen Kinder nicht bei sich behalten, wo hätte sie diese während der Arbeit auch hintun sollen? Sie musste für sie einen Kostplatz suchen oder irgendwo anders unterbringen. So kam es, dass meine Großmutter beim "Klamer Mo" in Glaslern einen Teil ihrer Kindheit verbrachte, bis sie groß genug war, selbst zu ihrem Lebensunterhalt beizutragen.

War nun die Anna Thanner, meine Urgroßmutter, ein besonders "liederliches Frauenzimmer", weil sie fünf ledige Kinder zur Welt brachte? Nein, ich glaube, sie war eine arme Haut. Schuld an der Misere waren die damaligen strengen Heiratsgesetze im Königreich Bayern. Natürlich kam es nicht selten vor, dass einem jungen, unerfahrenen Ding ein Kind angehängt wurde und der Kindsvater das Mädchen dann sitzen ließ. So gab es in der Truderinger Gegend beispielsweise neun Monate nach dem Keferloher Markt jedes Mal mehr ledige Kinder als sonst. Viele Paare aber wollten wirklich heiraten, wurden jedoch durch die Vorschriften, die dabei zu erfüllen waren, daran gehindert. Welche Magd oder welcher Knecht besaßen denn schon ein ausreichendes Vermögen, das sie in einem Leumunds- und Vermögenszeugnis nachweisen mussten, um heiraten zu können. Da waren weiterhin Tauf-, Impf- und Sonntagsschulzeugnis vorzulegen. Ebenso musste der Militärdienst abgeleistet sein, um das Recht auf Ansässigmachung und Verehelichung zu erhalten. Viele heiratsfähige und heiratswillige Leute verließen ihre Gemeinden und zogen in die bayerische Landeshauptstadt, um dort eher die Voraussetzungen zur Heirat zu erfüllen. Manche drängte es noch weiter weg und wanderten sogar bis nach Amerika aus, wie zum Beispiel die Urgroßtante meines Vaters, die im Jahre 1846 mit ihren vier ledigen Kindern in New-Orleans an Land ging, in Erwartung eines besseren Lebens. Aufgrund der strengen gesetzlichen Heiratsauflagen kamen im letzten Jahrhundert vermehrt ledige Kinder auf die Welt. Obwohl die Kirche scharf reagierte und bei der Geburt eines ledigen Kindes betonte, dass dieses mit einer doppelten Erbsünde behaftet sei, wuchsen diese Kinder trotzdem genauso heran, auch wenn die ledige Mutter es oft schwer hatte, sich und das Kind durchzubringen. Alimentezahlungen waren spärlich, reichten nicht aus oder erfolgten oft gar nicht.

So ändern sich die Zeiten. Früher konnten die Leute oft nicht heiraten, weil sie mittellos waren. Heute wollen viele erst gar nicht heiraten, weil es ihnen so viel besser geht - und mit dem Kinderkriegen ist es auch nicht mehr weit her

Hans Lehrer