Meine Liebe zum Trachtenverein

Gebirgs-Trachten-Verein
„Almrausch”, München.

Mein Großvater ist schon lange tot. Ich habe ihn nicht mehr gekannt. Zuweilen blättere ich in seinem alten Postkartenalbum, das ich jetzt in Ehren halte und bin neugierig, wer ihm alles geschrieben hat. Dabei wurde ich neulich auf eine Postkarte aufmerksam, der ich sonst nie große Beachtung geschenkt hatte. Auf ihrer Vorderseite ist eine Fahnenabordnung zu sehen. Drei schmucke Trachtler in Miesbacher Tracht, der Fahnenträger in der Mitte, sind darauf abgebildet. Darunter steht geschrieben "Gebirgs-TrachtenVerein 'Almrausch', München". Die Postkarte ist an meinen Großvater gerichtet und hat folgenden Wortlaut: "Sehr geehrter Herr Trinkl. Erlaube mir hiermit, Sie am Samstag, den 3. Mai 1913, zu unserem 20. Stiftungsfest in der Holzstraße Gasthof Birke ergebenst einzuladen. Auf ein baldiges Wiedersehen freut sich Fritz Kienle."

Mein Interesse war plötzlich geweckt. Ob es diesen Trachtenverein wohl noch gibt?, fragte ich mich und begann nachzuforschen. Der Bayerische Landesverein für Heimat-pflege, in dem ich seit einem Jahr Mitglied bin, konnte mir weiterhelfen. Den Trachtenverein gibt es tatsächlich noch und nennt sich heute "Almrausch-Stamm". Ob mein Großvater damals das 20. Stiftungsfest besuchte, weiß ich nicht. Ich aber steckte die Postkarte ein und besuchte, etwas landlerisch angezogen, einen Vereinsabend eben dieses Vereins. Meine Postkarte, mit dem Bild der drei Trachtler ging staunend von Hand zu Hand und es wurde für mich ein schöner und interessanter Abend. Nie zuvor hatte ich etwas mit einem Trachtenverein zu tun gehabt, auf einmal aber entdeckte ich meine Liebe zur Tracht und zum Bodenständigen. Zuhause schaute ich den Postkartenalbum genauer an. Da fielen mir Postkarten auf, aufgegeben um die Jahrhundertwende, mit Grüßen aus Murnau, Tölz, Weilheim, Bad Kreuth, Andechs . . Mein Großvater hatte diese Karten an meine Großmutter geschrieben. Damals wohnten sie in einer Herberge in der Au, Kirchplatzstraße 17/1. Großvater teilte seiner Kathi die Uhrzeit ihrer Ankunft und ihr Wohlaufsein mit. Er fuhr also nicht allein, sondern mit ein paar Spezln; denn auch sie hatten auf den Grußkarten mitunterschrieben, der Klaiber Karl, der Vitzthum Franz, der Fritz Seppi, der Eckert Toni, um nur einige zu nennen.

Als ich den Almrausch-Stamm ein zweites Mal besuchte, erfuhr ich, dass der Klaiber Karl im Jahre 1893 Gründungsmitglied des Vereins war und im Jahre 1919 erster Vorsitzender des Isargaus wurde. Ich nehme an, dass mein Großvater mit den Plattlern mitfuhr, weil er seine Freude daran hatte, während meine Großmutter bei den fünf kleinen Kindern daheim blieb.

Auf einer Postkarte schrieb er unter anderem: "Gsund samma a", ein Ausspruch, der auch heute noch beim "Almrausch-Stamm" üblich ist. Ich glaube nicht, dass mein Großvater aktives Mitglied wurde. Ich wollte jedoch diese Tradition fortsetzen und vollenden und bin jetzt aktives Mitglied im Trachtenverein "Almrausch-Stamm" in München. Ich lerne das Platteln und möchte ein zünftiger Trachtler sein. Was eine Postkarte doch so alles bewirken kann!

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 20.05.2003

Alle Bilder und Texte auf diesen Seiten sind urheberrechtlich geschützt.
Nachdruck auch auszugsweise nur mit Genehmigung des Verfassers.