Lithograph und Patriot

Ein Geschichtsbuch ganz besonderer Art stellt der Südliche Friedhof in München dar. Im 16. Jahrhundert noch vor den Toren der Stadt gelegen, diente er als Bestattungsort für die Pesttoten. Später fanden auch viele berühmte und bedeutende Persönlichkeiten dort ihre letzte Ruhestätte. Im Mittelgang des Friedhofs, schräg gegenüber dem Spitzweggrab, liegt einer meiner Vorfahren begraben. Die Inschrift auf dem Grabstein lautet: “Gottlieb Bodmer Porträtmaler und Lithograph”, gelebt von “1804 - 1837”. Der in Hombrechtikon in der Schweiz geborene und in Feldkirchen bei München aufgewachsene Lehrersohn erwarb sich den Ruf eines hervorragenden Lithographen. Bereits mit 16 Jahren wurde er Schüler an der Münchner Akademie im Fach Historienmalerei. Bald schon widmete er sich der Porträtkunst, um damit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. 1829 begann er sich in der Technik der von Senefelder erfundenen Lithographie auszubilden und ging deshalb 1831 ein Jahr nach Paris. Nach München zurückgekehrt, fertigte er Lithographien nach Gemälden bekannter Künstler sowie zahlreiche Porträts an. “Nach dem Leben auf Stein gezeichnet von Bodmer” steht unter dem Bildnis Ludwigs I. Diese Lithographie bildete vor einigen Jahren den Grundstock zu meiner inzwischen beachtlichen Sammlung seiner Werke.

Im Geheimen Hausarchiv der Wittelsbacher wird ein Brief aufbewahrt, den Bodmer aus “Interesse an der Lithographie und Liebe zum Vaterland” am 20. April 1835 an den “Allerdurchlauchtigsten Großmächtigsten König”, Ludwig I., dem er viel zu verdanken hatte, schrieb. Er machte dabei Vorschläge, wie München den Vorrang in der Lithographie vor allen übrigen deutschen Staaten behaupten könne.
Er zog zweitens Möglichkeiten in Betracht, “den Franzosen, ihre durch eine bayerische Erfindung gezogenen Vorteile, wieder zu entreißen”.
Suchte drittens nach Mitteln und Wegen, die für die Lithographie qualitativ am besten geeigneten Solnhofner Platten ihrem wirklichen Wert entsprechend ins Ausland zu verkaufen und nicht zum Schaden des Landes zu verschleudern. Seiner Meinung nach hätte Bayern dadurch jährlich zwei- bis dreihunderttausend Gulden gewinnen können.

Am 8. Oktober 1834 bekam Bodmer von der Kammer des Innern die Erlaubnis zur Errichtung eines lithographischen Instituts. Nachdem er auch das Recht auf Ansässigmachung erhalten hatte, ließ er sich am Karlsplatz in München nieder. Er wurde nur 33 Jahre alt und starb am 18.7.1837 in München an Lungenschwindsucht.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 09.06.2003

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