Maria, Maienkönigin

Als Mensch hat man eine Lieblingsfarbe, ein Lieblingstier, eine Leibspeise, neuerdings auch eine Lieblingsmarke, halt alles, was einem lieb und wert ist. Denke ich an meine bescheidene Kindheit zurück, so war der Mai mein Lieblingsmonat. Er war billig zu haben, vorausgesetzt der liebe Gott hatte ein Einsehen mit dem Wetter und machte daraus wirklich einen "Wonnemonat" mit all seiner Blütenpracht , dem Beginn eines neuen Lebens und für meinen älteren Bruder dem Anfang einer neuen Liebe.

In diesem Monat des Jahres, das bis auf die "Drei Eisheiligen" dem Winter endgültig entronnen ist und sich ohne "R" im Monatsnamen stolz präsentiert, reiße ich endlich meine Schuhe von den Füßen und laufe wieder barfuß, bis in den Herbst hinein, wenn uns der September behutsam an die kalte Jahreszeit erinnert. Am 1. Mai stelle ich mich in die Reihe der mutigen Buben, kraxle bis zur Spitze des Maibaumes hinauf und darf mir zur Belohnung eines der bunten Eier, die oben an einer Schnur baumeln, herunterreißen und in meinen Hosensack stecken. Ich möchte keine Maiandacht versäumen, sitze in der ersten Reihe der Bubenbank und schaue andächtig zum Altar der Muttergottes hinüber, der sich in ein Blumenmeer verwandelt hat. Prächtige Hortensien, weißer und blauer Flieder, der einen betörenden Duft verströmt, umrahmen das Marienbildnis. Ehrfurchtsvoll atme ich den Weihrauch ein, mit dem einst das Jesuskind beschenkt worden ist und versuche in der Monstranz den lieben Gott zu erkennen. "Maria, Maienkönigin, wir kommen, dich zu grüßen...", ist nur eines dieser schönsten Marienlieder, mit denen wir die Muttergottes besonders im Monat Mai inbrünstig verehren wollen. Daheim aber habe ich einen kleinen Maialtar errichtet, auf dem sich eine Muttergottesfigur befindet, aus braunglasiertem Ton, die von der Pöhlmann Gusti stammt, mit Maiglöckchen als Blumenschmuck und zwei verschnörkelten Kerzenleuchtern aus Großmutters Kommode. Hier halte ich mit den Nachbarskindern gerne meine eigene Maiandacht ab und erteile sogar den Segen, wenn wir mit dem Lied "Meerstern, ich dich grüße..." fertig sind. Im Mai packt mich das Jagdfieber, und ich kann es kaum erwarten, die ersten Maikäfer in eine mit Luftlöchern versehene Zigarrenschachtel zu sperren, um sie dann doch wieder fliegen zu lassen. Obwohl es nicht erlaubt ist, das hohe Gras niederzutreten, streifen wir dennoch durch die Wiesen und lassen uns den Sauerampfer schmecken. Aus Gänseblümchen flechten wir Ketten zum Umhängen, indem wir die Stengel mit dem Daumennagel aufschlitzten und die Blütenköpfchen hindurchstecken.

Im Mai darf ich aus dem Maßkrug meines Vaters einen Schluck seines Lieblingsbieres, dem süffigen "Maibock", probieren und freue mich schon auf den Muttertag, am zweiten Sonntag im Monat, wo ich zu meiner Mutter besonders nett sein will, indem ich das Gedicht

"Wenn du noch eine Mutter hast,
So danke Gott und sei zufrieden,
nicht allen auf dem Erdenrund
ist dieses hohe Glück beschieden ..."

aus dem Fünftklass Lesebuch auswendig aufsage und ihr einen Strauß weißen Flieders schenke.

In der Nacht auf den 1. Mai aber passe ich auf, dass uns die übermütigen Buben nicht das Gartentürl aushängen; oder sonstigen Schabernack antun; denn es ist Walpurgisnacht, die Nacht der unsinnigen und übermütigen Streiche, in der die Hexen zum Blocksberg reiten.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 03.05.2003

Alle Bilder und Texte auf diesen Seiten sind urheberrechtlich geschützt.
Nachdruck auch auszugsweise nur mit Genehmigung des Verfassers.