Eine Mark ist viel Geld

Im Fünftklasslesebuch hatten wir die Geschichte vom armen Weber gelesen, der den ganzen Tag vor seinem Webstuhl im dunklen Keller saß und wirkte. Doch jedes Mal wenn die Abendglocke läutete, stieg er die Kellertreppe hinauf, lächelte verschmitzt und sagte: “Jetzt habe ich doch eine Mark verdient. Eine Mark ist viel Geld.” Durch Sparsamkeit und Fleiß brachte er es im Laufe der Zeit zu einem ansehnlichen Vermögen.

Mit meinen elf Jahren war ich von diesem Lesestück so stark beeindruckt, dass ich mir vornahm, diesem Mann unbedingt nachzueifern. Bald begann ich, mich auf dem Bauernhof des Onkels nützlich zu machen, ließ mich zur Arbeit einspannen und hoffte dabei auf eine Entlohnung. So durfte ich im Frühjahr, kaum dass am Mittag die Schule aus war, beim Erdäpfellegen mithelfen. Ich bekam einen Schurz mit dem Saatgut umgebunden, ging damit die Furchen entlang und verteilte die Kartoffeln gleichmäßig in die von der Maschine eigens dafür vorgezeichneten Vertiefungen. Genauso wie im Lesebuch geschildert, erbat ich mir als täglichen Lohn für die Arbeit eine Mark, steckte das Geld jeden Tag in die Sparkasse und murmelte immer wieder den Satz vor mich hin: “Eine Mark ist viel Geld.”

Es gab auch noch andere Gelegenheiten Geld zu verdienen; beim Kartoffelkäferabklauben zum Beispiel, beim Gsodschneiden oder beim Heueintreten, beim Gradklopfen der krummen Nägel, die aus den verfaulten Brettern gezogen wurden oder beim Dachschindelnachstecken auf dem Speicher, wobei ich mit der linken Hand zwei Platten von unten her einige Zentimeter in die Höhe hob und gleichzeitig mit der rechten Hand die angefaulte Schindel herauszog, sodann eine neue dem Bündel entnahm und sie in den Spalt schob. Stolz war ich, dass ich schon zur Waldarbeit taugte und mit der Wiegensäge gut umgehen konnte, an der ich schön gleichmäßig anzog. Auch bei diesen Arbeiten sprang immer etwas Geld heraus. Um beim Kegelaufstellen öfters dranzukommen, bedurfte es schon allerhand Durchsetzungsvermögen. Es lohnte sich aber; denn der Verdienst dabei konnte sich durchaus sehen lassen. Für das Ministrieren bei der hl. Messe bekamen wir vom Herrn Pfarrer jedes Mal, außer beim sonntäglichen Hochamt, zahn Pfennig. War aber eine Hochzeit oder ein Requiem angeschafft, schaute ab und zu auch für die Ministranten ein Trinkgeld heraus.

Überall, wo ich altes Eisen fand, trug ich es zusammen und verkaufte es kiloweise für ein paar Pfennig oder auch etwas mehr an die Eisentandler, die nach dem Krieg, genauso wie die Lumpensammler, gerne Geschäfte machten. Manchmal gewann ich beim “Pfenningschutzen” ein Sümmchen und knüpfte den anderen Buben einen Teil ihrer Barschaft ab. Als kleine Belohnung dafür, dass ich für die Tante zum Einkaufen ging, durfte ich die Rabattmarken behalten, die das Lebensmittelgeschäft gewährte. Für je eine Mark Einkauf gab’s eine Zwei-Pfennig-Marke. Die pappte man auf eine gestempelte Kundenkarte. War die Karte mit 75 Marken vollgeklebt, bekam ich dafür 1,50 DM ausbezahlt. Wenn ich auch nicht so wohlhabend wurde, wie der Weber im Lesestück, kam mit der Zeit immerhin ein beachtlicher Betrag von über hundert Mark zusammen.

In der schweren Zeit nach dem Krieg bauten wir unser Häusl, und daheim musste jeder Pfennig gleich dreimal umgedreht werden, bevor er ausgegeben wurde. Eines Tages sagte die Mutter zu mir: “Hansl, ich brauch auch dein Geld, zumindest leihweise, damit ich eine Handwerkerrechnung bezahlen kann.” Was blieb mir da anderes übrig? Nach kurzem Zögern und dem Versprechen von ihr, es später einmal zurückzubekommen, war ich eigentlich ganz froh darüber, meiner Mutter etwas helfen zu können und merkte jetzt erst recht, dass eine Mark viel Geld sein kann.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 30.04.2003

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