Mein Kochbuch

Während meiner Junggesellenzeit hatte ich größten Respekt vor der Kunst des Kochens. Solange noch Mutter lebte, besaß ich allerdings kein besonderes Interesse, mich in solchen Fertigkeiten unterweisen zu lassen. Später, auf mich selbst angewiesen, gelang es mir allmählich, schmackhaftes und abwechslungsreiches Essen selbst zuzubereiten. Ein Kochbuch mit einfachen Rezepten nach bayerischer Art, das noch von meiner Großmutter stammte, leistete mir dabei große Dienste. Es war vor allem für solche wie mich gedacht, die noch gar nicht kochen konnten.

Dieses Kochbuch, vor hundert Jahren bereits vom Verein für Volkshygiene in München herausgegeben und mit hygienischen Ratschlägen versehen, befasste sich in der Einleitung erst einmal mit der richtigen Art des Anschürens, das mit trockenem, klein gespaltenem Holz geschehen sollte, wobei sich zum Anzünden auch getrocknete Kartoffelschalen eignen. Auch der richtigen Verwendung von Kochgeschirren wurde ein interessantes Kapitel gewidmet, worin zu lesen war, dass sich fettes Geschirr am schnellsten und gründlichsten in sehr heißem Wasser mit wenig Soda versetzt, reinigen lässt. Schließlich wurde im Kochbuch auch die richtige Pflege der Zähne behandelt und endlich darauf hingewiesen, dass zu den Haupterfordernissen der Kochkunst Ordnung, Reinlichkeit, Pünktlichkeit, Sparsamkeit und aufmerksamer Sinn gehören. Bei den Suppen wurde zwischen Fleisch- und Fastenspuppen unterschieden. Fester Bestandteil eines jeden Speisezettels waren Kartoffelsuppe, geröstete Grießsuppe, Panadlsuppe, aufgeschmalzene Brotsuppe, Zwudelsuppe und Brennsuppe, auf der auch ein rückständiger, einfältiger Mensch ab und zu "dahergeschwommen" kommt und sich diesen Ausdruck halt eben gefallen lassen muss. Bei der Zwudelspuppe aber werden von 6 Löffeln Mehl, etwas Salz und 1 Ei ein fester Teig zubereitet, welcher sich mit den Fingern zerbröseln lässt und in der Milch oder im Wasser, dann allerdings mit aufgeschmalzenen Zwiebeln, aufgekocht wird.

Bei meinen weiteren Kochbuchstudien stieß ich auf Speisen, die ich noch nie gegessen hatte oder über die man sich höchstens die Nase rümpfen würde. Wie wäre es denn mit einem gebackenen Kuheuter? Für die Aufstellung des Küchenzettels war in meiner Kindheit vor allem der Geschmack des Vaters, des Ernährers der Familie maßgebend. Da Fleisch jedoch meistens nur am Sonntag auf den Tisch kam, beschränkte sich die Küche hauptsächlich auf Mehlspeisen und Gemüse. Dazu gehörten Kartoffelnudeln, Kartoffelschmarrn, Semmelschmarrn, Mehlschmarrn, Pfannkuchen und Grießmus, mit einem Stückchen Butter in der Mitte. Der Familienkaffee war eine Mischung aus "Quieta Grün" und "Franck Kaffee-Zusatz", eigentlich nichts anderes als eine Malzkaffeebrühe.

Für die Kranken gab es eine Schleim-, Hirn- oder Weins uppe, eine kalte Fleischsülz und zur Stärkung Warmbier, wobei ein Quart Bier mit 2 Esslöffeln gestoßenem Zucker oder 2 Löffeln Honig, 1 Stückchen Zimt, ganz wenig Zitronenschale einmal aufgekocht wurde. Dann sprudelte man 1 Eidotter mit 4 Löffeln Milch gut ab und goss nach und nach das heiße Bier dazu und quirlte dabei tüchtig.

Im Kochbuch wurden auch Vorschläge gemacht, wie man in Zeiten der Fleischnot und Teuerung ohne das kostbar gewordene Fleisch, billige und wohlschmeckende Mahlzeiten herstellen kann. Da unser üppiger Fleischverzehr aus anderen Gründen heutzutage bedenklich geworden ist, haben folgende, aus dem Jahre 1906 stammenden Zeilen mein besonderes Interesse gefunden. "Fisch, Mehlspeisen und Gemüse können einen fast vollwertigen Ersatz für die Fleischnahrung bieten, wenn sie auch demjenigen, der einmal an Fleischgenuss gewöhnt ist, nicht ganz genügen werden. Es ist bei dieser Anregung ja auch nicht beabsichtigt, Anhänger für die ausschließliche Pflanzenkost, den Vegetarianismus zu gewinne, sondern nur aufmerksam zu machen, dass andere geeignete Nahrungsmittel leicht und in großer Auswahl zu beschaffen sind." Es folgten einige Kochrezepte für Fischgerichte, Milch- und Eierspeisen, Hülsenfrüchte und Gemüse. Mit der Aufforderung "Trinkt Milch!" wurde darauf hingewiesen, dass 3 Liter Milch einen Nährwert von 1 Pfund Fleisch und 5 Semmeln besitzen. "Wer täglich ½ Liter Milch verzehrt, kann wöchentlich ca. 1 ½ Pfund Fleisch sparen!" versprach eine Werbung der Central-Molkerei München in der Amalienstraße 74.

Hans Lehrer