Mia ham dahoam ...

Alles, was uns nicht mehr gefällt, im Weg umgeht, nicht mehr gebraucht wird, schmeißt man ohne lange zu zögern, am besten gleich weg. Es käme sonst im Laufe der Zeit allerhand Zeug zusammen, und wir wollen doch kein altes Graffel in unseren vier Wänden dulden. Seitdem es uns so gut geht und der Wohlstand überall ausgebrochen ist, werden wir immer mehr zu einer Wegwerf- und Entsorgungsgesellschaft. Schuld daran ist auch die Werbung mit ihrer unermüdlichen Aufforderung, öfter mal etwas neues zu kaufen. Einmal weggeworfen, ist der Gegenstand meistens unwiederbringlich verloren. Vielleicht zieht es deshalb immer mehr Leute auf die Flohmärkte, wo man sie auf der Suche nach der alten Zeit häufig sagen hört, dass auch sie schon einmal so ein Überbleibsel aus längst vergangenen Tagen ihr eigen nannten und sich jetzt mit leichter Wehmut daran erinnern.

Ich hatte das Glück, auf einem Bauernhof groß zu werden, der mehr einem Heimatmuseum als einem Agrarbetrieb glich. Hier hob man seit Generationen alles, aber auch alles auf. Die Sachen wurden solange benützt, hergerichtet und geflickt, bis sie von selbst auseinander fielen. Und was man darüber hinaus auf dem Feld oder anderswo fand, wurde mitheimgebracht. In der Remise befanden sich allerlei Gerätschaften. Holzpflüge, die schon längst nicht mehr im Einsatz waren, veraltete Maschinen, eine Kutsche oder gar eine ausgediente Windmühle standen unter anderem da herum und fristeten ihr Dasein. Auf dem Hof gab es noch immer den alten Göpel, mit dem mechanische Kraft erzeugt werden konnte. Allerdings war es schon eine Weile her, dass dabei der große Zahnkranz von den Zugtieren bewegt wurde, indem sie an einer Hebelstange ständig im Kreis herum gehen mussten. Auf dem Heuboden stand die alte Gsodbank, bei der das Schwungrad mit den beiden Messern wie zu Großvaters Zeiten durch menschliche Muskelkraft in Bewegung gesetzt wurde. In den bemalten Kleiderkästen hingen noch die Gewänder gar mancher Vorfahren. Vom Ahndl bis hin zu den Jungen lag die Aussteuer sauber geordnet in den Kommoden. Die darauf befindlichen Glaskästen waren voll von Andenken, Raritäten und vor allem reichverziertem Porzellan. “Milde Gabe mehrt die Habe”, hieß ein Spruch auf den bauchigen Kaffeetassen, die in der guten Stube auf einem Wandbrett standen und gleich darunter, im Regal, lehnte ein Teller mit der Aufschrift: “Unser täglich Brod gieb uns heute”. Alte Bilder, Krüge, Bücher, Briefe, Dokumente, erbeutete Franzosensäbel aus dem 1. Weltkrieg, ein Beutel Silbertaler, ein Kinderbettstadl, ein wurmstichiges Spinnrad, um nur ein paar Dinge aufzuzählen, befanden sich seit Jahr und Tag an ihrem angestammten Platz, wo sie nicht im Weg umgingen. Zum museumsreifen Inventar gehörte auch die einzige Uhr im Haus. Sie hing in der Kuchl an der Wand und wurde immer, aus alter Gewohnheit, eine halbe Stunde vorgestellt. Mit Liebe und Sorgfalt bewahrte man das alte Spielzeug und die Schulsachen von einst auf.
Vom Bauern hieß es allgemein, dass er nicht mit dem Fortschritt ginge. Bis zuletzt hing er an seinen drei Rössern, die er nicht um alles in der Welt gegen einen Traktor eingetauscht hätte. Den Kunstdünger mied er, wo es nur ging, und er setzte auch keinen Motor ein, der ihm die Arbeit erleichtert hätte. Elektrisches Licht gab es nur im Stall und in den unteren Räumen. Für die oberen Kammern benutzte man zum Bettgehen nach wie vor den Kerzenleuchter. Niemand verlangte nach einem Radio. Neuigkeiten erfuhr man ja aus der Zeitung, von den Nachbarn oder am Sonntag beim Wirt, wo auch politisiert wurde. Bescheiden war der Speisezettel, der über Jahrzehnte hinweg die gleiche Wocheneinteilung zum Inhalt hatte.
Für den Bauern war nur eines wichtig - festzuhalten an der Tradition. Er starb im Frühjahr 1956 auf seinem Strohsack, ohne jemals einen Doktor an sein Bett, über dem das Bild des von ihm verehrten König Ludwig II. hing, zu lassen. Als aber der Friedhof um die Dorfkirche anfangs der zwanziger Jahre eingeebnet wurde, grub er mit seinen eigenen Händen die Gebeine seiner Vorfahren aus und bestattete sie in einem Säcklein auf dem neuen Friedhof. Heute noch liest sich der hohe Grabstein wie ein Stammbaum.
Will man sein Geschichtsbewusstsein stärken, seine Wurzeln erforschen, das Brauchtum pflegen und die Tradition aufrechterhalten, gehören halt nun einmal die alten Sachen dazu, die von früher erzählen und Teil einer alten, weit zurückliegenden Zeit sind. Deshalb sollte man es sich lieber dreimal überlegen, bevor man endgültig etwas wegwirft oder gar in falsche Hände geraten lässt.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 30.01.2003

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