Mischehe

Hatten sich früher zwei junge Leute gern und wollten einander heiraten, war das gar nicht so einfach, wenn sie nicht denselben Glauben besaßen. Da sprachen die Eltern schon auch noch ein Wörtl mit und erst recht die Kirchen. Als Protestant in einer katholischen Kirche getraut zu werden war lange Zeit überhaupt nicht möglich, es sei denn, er wechselte gleich die Religion. Aber auch die evangelische Kirche machte eine Trauung mit einem katholischen Ehepartner davon abhängig, dass sich der Andersgläubige schriftlich verpflichtete, die Kinder lutherisch zu erziehen.

Meine Eltern

So erging es auch meinen Eltern, als sie sich 1926 in der evangelischen St. Johanneskirche in Haidhausen trauen ließen, obwohl Mutter katholisch war. Die Seite meines Vaters hatte darauf bestanden, und so musste sie halt in den sauren Apfel beißen, wenn sie ihren Jakl nicht verlieren wollte. Für die katholische Kirche war sie allerdings somit eine Abtrünnige, die in Zukunft vom Empfang der Sakramente ausgeschlossen wurde. Erschwerend kam noch hinzu, dass das erste Kind evangelisch getauft worden war. Da ihre Gewissensbisse von Tag zu Tag stärker wurden und sie ernsthaft um ihr Seelenheil bangte, noch dazu von der evangelischen Kirche nichts wissen wollte, bezeichnete sie die kleine Pauline bei der Schuleinschreibung kurzerhand als "katholisch" Damit war der evangelische Pfarrer ganz und gar nicht einverstanden, und schon in den nächsten Tagen erhielt Vater einen geharnischten Drohbrief mit folgendem Wortlaut:

"München, den 21. April 1934. ... ohne Ihr ausdrückliches Einverständnis aber liegt es nicht in der Macht Ihrer Frau, die religiöse Erziehung des Kindes zu ändern. Ihre Frau hat gemeinsam mit Ihnen vor Ihrer Eheschließung evangelische Kindererziehung durch Ihre Unterschrift fest versprochen. Sie sind nur daraufhin evangelisch getraut worden. Es ist traurig genug, dass Ihre Frau sich jetzt über das alles hinwegzusetzen sucht, als wäre es nichts. Es wäre aber noch wesentlich trauriger, wenn Sie als der Mann und evangelische Teil das dulden würden. Ich bitte Sie daher hiegegen Einspruch zu erheben. Hiefür überlasse ich Ihnen zur Überlegung und entsprechenden Handlung eine Frist von 10 Tagen. Sollten Sie freilich innerhalb dieser Zeit meiner Bitte nicht willfahren, so müsste ich annehmen, dass Sie die Eigenmächtigkeit Ihrer Frau tatsächlich dulden, in die katholische Erziehung willigen und damit die Treue Ihrer Kirche gegenüber aufs schwerste verletzen. Es bliebe mir dann gar nichts anderes übrig, als auf Grund unserer kirchl. Lebensordnung vor dem Kirchenvorstand das Kirchenzuchtsverfahren gegen Sie zu eröffnen, in dessen Verlauf Ihnen zum mindesten sämtliche kirchlichen Ehrenrechte abgesprochen würden (Aberkennung des kirchlichen Wahlrechtes, des Rechtes Pate zu werden, Vornahme der Beerdigung nur in schlichter Form). Ja, da es sich bei Ihnen um einen ganz besonders schweren Fall der Verletzung kirchlicher Treue handelt, so droht Ihnen sogar unter Umständen die Feststellung, dass Sie infolge Ihrer Handlungsweise nicht mehr als Gemeindeglied betrachtet werden können ..."

Obwohl Vaters Vorfahren all die Zeiten hindurch ihrem Glauben treu geblieben waren, oft unter schwierigsten Verhältnissen, hielt er dennoch zu seiner Frau und hatte letztendlich nichts dagegen, dass alle drei Kinder katholisch erzoge n wurden, mit der Folge allerdings, dass Muter ein Lebtag lang verwandtschaftlichen Anfeindungen ausgesetzt war.

Sie erlebte es nicht mehr, dass auch die Kirchen zwischenzeitlich etwas hinzugelernt haben, Fehler eingestehen und aufeinander zugehen. Trotzdem laufen ihnen die "Schäflein" haufenweise davon. Nicht in allen Fällen ist es die Kirchensteuer, vor der man sich drücken will. Viele haben einfach die Bevormundung satt, mit der sie vor allem früher konfrontiert wurden.


Hans Lehrer · 20.05.2003

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