Moorkolonie Großkarolinenfeld

In Kolbermoor an der Landgerichtsgrenze zwischen Aibling und Rosenheim wurde 1802 eine Moorkolonie gegründet, die nach der damaligen Kurfürstin Karolin den Namen Großkarolinenfeld erhielt. Es handelte sich dabei um 2000 Tagwerk Moosgründe, auf denen 80 - 100 Familien angesiedelt werden sollten. Bereits im Jahre 1802 trafen die ersten 20 Siedlerfamilien ein, die man in der Kurpfalz angeworben hatte. Die meisten der Kolonisten, unter denen sich auch Vorfahren von mir befanden, waren evangelisch. Über ihre Ankunft Ende April 1802 heißt es:

"Diese Fremdlinge fanden bey ihrer Ankunft für ihren künftigen Aufenthalt ein Land, was vielleicht in Jahrtausenden nicht benutzt wurde und welches in seiner äußeren Gestalt einem wahren Unlande glich. So hingeworfen auf einen rohen Strich Landes, umrungen von eben so rohen und ungebildeten Menschen, welche in den neuen Ankömmlingen nach ihren Begriffen nur Räuber ihres so eben verlohrenen vermeyntlichen Eigenthums ansahen, entblößt von allem Obdach, in einer vierstündigen Entfernung vollgeschneite Gebürge und einen unübersehbaren Sumpf vor sich liegen, wo man mit jedem Schritt bis auf die Knie in Morast sank und beynahe ohne alle Unterstützung außer der, welche ihnen durch die Kommission nur sparsam geleistet wurde, gehörte ein großer Grad von Selbstverläugnung und Standhaftigkeit dazu, dass sich nicht jeder Ankömmling sogleich mit dem ersten Anblick wieder zur Rückreise anschickte."

Lange hielt es auch meine Ur-Urgroßmutter Margaretha Erhard nicht aus, die als Witwe mit ihrer Familie aus Leutershausen, das nördlich von Heidelberg liegt, stammte. Es gehörte Mut und Verantwortung dazu, die Heimat aufzugeben und mit wenigen Mitteln nur gestützt auf Versprechungen in einem neuen Land, das erzkatholisch war, einen neuen Anfang zu suchen. Auf einem Wagen hatten sie ihre Habe verpackt. Es war bestimmt nicht viel, Betten und Wäsche, Saatgetreide und Samen der Feldfrüchte, vielleicht das Bild vom Abendmahl und eine Bibel, das wichtigste Werkzeug und kleineres Gerät, Geschirr und etwas Nahrungsvorräte. Vorne zog ein Pferd und am Ende des Wagens hing eine Kuh. Hundert Wegstunden waren es nach München und weiter nach Aibling, 10 - 12 Tage. Am 21. April 1802 trafen die Auswanderer dieses Dorfes, das sie am Ostermontag verlassen hatten, in München ein und erkundigten sich nach dem Weg zu den Moorgründen bei Aibling. Obwohl von der Gegend dort das Schlimmste erzählt wurde und sich das "Gelobte Land" als eine Wüstenei entpuppte, so dass mehrere die Pässe für die Heimreise zurückverlangten, erklärte die Witwe des Adam Erhard mit einigen anderen, dass sie bleiben wollten, wenn ihnen bei der Ausübung der Religion Zusagen gemacht würden. Sie forderten außerdem einen Kredit für den Fall, dass die zu erwartende Ernte sie nicht ernähren könnte. Die Witwe Erhard war zu jener Zeit 60 Jahre alt und vom Glauben her reformiert. Zu ihren Angehörigen gehörte die verheiratete Tochter mit Ehemann Lucas Becker und zwei Kindern, ihr 21jähr. Sohn mit Braut und ein weiterer Sohn mit 15 Jahren. Das Barvermögen betrug 100 Gulden, außerdem waren in der Heimat noch 450 Gulden ausständig. Sie besaß einen Wagen, hatte zwei Betten und Weißzeug. Im November 1802 hatte sie noch kein Haus und alle mussten in einer Hütte überwintern. Eines ihrer zwei Pferde war schon umgekommen.

Bereits ein Jahr später gaben sie ihren Besitz, auf dem heute in der Pfälzerstr. Nr. 73 das Kometerhaus steht, an den Einwanderer Jakob Blenk weiter und konnten einen Teil des Zehentbauernhofes in Kirchtrudering erwerben, der damals gerade zertrümmert worden war. Lange Zeit blieben sie die einzige evangelische Familie in diesem Dorf. Hausname war Adam, und es gibt heute noch Nachkommen dort, die ihre Familiengeschichte in Ehren halten und ihr Wissen an die nächsten Generationen weitergeben.

Hans Lehrer