Wie ich zum Moslem wurde

Auf meiner zweiten Reise in die Türkei besuchte ich bereits 1964 die Stadt Konya. Sie ist die Heimat der tanzenden Derwische, das "Altötting" der Türkei und eine der Hochburgen des Islam. Ich war nur auf der Durchreise dort und hatte drei Stunden Aufenthalt, die aber ausreichten, um mein ganzes späteres Leben grundlegend zu verändern. Zunächst besuchte ich die Grabstätte des großen islamischen Mystikers Celal ed-din Rumi, kurz Mevlana genannt, der alle Menschen in sein Herz schloss, ohne jegliches Ansehen von Stand und Religion. Geheimnisvolle Flötentöne drangen an mein Ohr, zu denen sich einst die Derwische, bevor ihr Orden von Atatürk verboten worden war, drehten, um in den Zustand der Schwerelosigkeit zu gelangen, den beengenden Körper, der die Seele gefangen hält, abzustreifen, und das eigene "Ich" aufzugeben, um Gott im Innersten des Herzens Platz zu machen, für eine ewige Bleibe, welche die Seele unsterblich macht.

Ich wollte mehr über den Islam erfahren und besuchte einen Buchladen in der Nähe, um dort einen Koran, das heilige Buch des Islam zu kaufen. Meine Blicke glitten über die Regale und blieben an ein paar alten, in Leder gebundenen Büchern hängen, wie ich sie bereits vorher im Museum gesehen hatte. Ganz zufällig fragte ich den Verkäufer, ob er auch einen handgeschriebenen Koran hätte und war freudig überrascht, als er mir ein wunderschönes, mit herrlichen Arabesken verziertes Buch, das einst in mühseliger, jahrelanger Arbeit von frommer Künstlerhand geschaffen worden war, zeigte. Hundert türkische Lira wollte er dafür haben, und es gelang mir, ihn auf achtzig Lira herunterzuhandeln, ein Preis, der damals bei ungefähr vierzig Mark lag. Allerdings benutzte ich beim Feilschen eine kleine Notlüge, indem ich mit aller Überzeugungskraft behauptete, selbst ein Moslem zu sein. Ich hatte nicht damit gerechnet, einen anderen Kunden, der hinter mir stand, auf diese Weise so zu beeindrucken, dass er mich spontan in seine Arme schloss, auf die Stirn küsste und mich überschwänglich "Bruder" nannte.

Da stand ich nun. Was für Folgen doch manchmal eine kleine Lüge haben kann. Sie besiegelte eine lebenslange Freundschaft, die erst mit dem Tod meines türkischen "Bruders" endete. Den handgeschriebenen Koran aber bewahre ich wie ein Kleinod auf. Mag seine göttliche Wahrhaftigkeit von anderen Religionen auch stark angezweifelt und falsch ausgelegt werden, so löste er in mir, dessen Sprache und Schrift ich bald erlernt hatte, dennoch eine seltsame Faszination aus. Vergebens sucht man in diesem Heiligen Buch nach Stellen, die den Terroristen das Recht geben, im Namen Gottes unschuldiges Leben zu zerstören. Der "Heilige Krieg" ist nicht gegen andere, sondern in erster Linie gegen sich selbst zu richten, indem man die schlechten Eigenschaften, wie Neid, Hass, Rachsucht bekämpft und gegenüber seinem Nächsten Barmherzigkeit walten lässt. In der Sure "Al Maryam" wird in wunderschönen Sätzen die Jungfräulichkeit Mariens gepriesen, die durch ihr neugeborenes Kind getröstet und vor allen Anfeindungen beschützt wird, als sie mit ihm auf dem Arm zu ihren Leuten kommt und sich schwere Vorwürfe wegen des ledigen Kindes anhören muss. Somit wird das neugeborene Jesuskind bereits zum Fürsprecher aller ledigen Mütter, für die im Islam ansonsten kein Platz ist. Einzige Rechtfertigungsgründe für die "Vielweiberei" sind die Versorgung mittelloser Witwen und ein vermehrter Kindersegen. Das Schächten der Tiere aber geht auf die Weisung Gottes zurück, die er einst unserem Stammvater Abraham erteilte, als dieser ihm ein Opfer darbringen wollte. Das Blut, in dem sich die Seele des Tieres befindet, muss nämlich ungehindert in der Erde versickern können. Bei der großen Suchtgefahr, die der Alkohol für die Menschen darstellt, ist das göttliche Verbot dieser "Droge" nur mehr als vernünftig. Allerdings komme ich nicht umhin, manche mir unverständlichen Dinge im Islam, wie zum Beispiel den Glauben an die ewige Höllenqual für drei Viertel der Menschheit, die nichts von Mohammed hält, abzulehnen.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 17.04.2003

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