Musikhörstunde

Unsere Volksschule, die bei ihrer Fertigstellung im Jahr 1938 Memeler Schule hieß, bevor sie später aus verständlichen Gründen in Forellenschule umbenannt wurde, diente während des Krieges als Lazarett für verwundete Soldaten und musste einige schwere Treffer einstecken.

Als ich 1948 eingeschult wurde, war sie schon wieder größtenteils notdürftig zusammengeflickt und die Bombentrichter wieder eingefüllt. Im Parterre gab es neben dem Turnsaal, dem Schulbad und dem Ausweichzimmer bald wieder einen Klassenraum, der von allen genutzt wurde. Es war das Film- und Musikzimmer, in dem ein Filmapparat und ein Flügel standen. Für die Siebt- und Achtklässler fanden in diesem Raum von Zeit zu Zeit auch die Musikhörstunden statt, zu denen Solisten und Gruppen eingeladen wurden, welche uns die klassische Musik vermitteln sollten. Auf einer improvisierten Bühne hatten wir bereits Ausschnitte aus der Zauberflöte erlebt und einem Streichquartett mit Schubertliedern zugehört, als ich in den Musikstreik trat und weitere Aufführungen einfach boykottieren wollte. Was mich damals zu diesem Entschluss bewog, wusste ich wahrscheinlich selber nicht. War es einfach die Lust, den Lehrer zu ärgern, oder fehlte mir das nötige Verständnis und Einfühlungsvermögen für diese Art von Musik? Auf alle Fälle weigerte ich mich strikt, beim nächsten Mal die zwanzig Pfennig Eintrittsgeld zu bezahlen, die uns ohne großes Wenn und Aber einfach abverlangt wurden. Unser Lehrer war natürlich nicht begeistert und ziemlich ratlos, als ich ihm mitteilte, dass ich für diesen “Schmarrn” nichts übrig hätte und diese Stunde lieber in einer andere Klasse verbringen, oder noch besser am liebsten gleich ganz heimgehen würde. Im letzten Augenblick schubste er mich dennoch in das überfüllte Musikzimmer, und mir blieb nichts anderes übrig, als dem Forellenquintett von Franz Schubert zuhören zu müssen, allerdings mit der Genugtuung, wenigstens kein unnützes Geld dafür ausgegeben zu haben.

Heute, nach all den Jahren, denke ich ganz anders darüber. Vielleicht wurde gerade durch diese Musikhörstunden der Grundstein für meine spätere Liebe zur Klassik gelegt? So schlecht war doch dieser Papageno gar nicht, der uns mit seinen lustigen Arien in der Zauberflöte zum Lachen brachte. Insgeheim bewunderte ich die “Königin der Nacht”, die mit ihrer glockenhellen Stimme, so hoch hinaufsingen konnte. Und für Tamino hoffte ich, dass mit ihm alles gut hinausgehen würde, als er die Arie von dem Bildnis sang, das bezaubernd schön ist. Aber zugeben wollte ich es damals nicht.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 29.07.2003

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