Ohrenbeichte

Es sind schon mehr als fünfzig Jahre her, dass ich als Neunjähriger zum ersten Mal zur hl. Beichte ging, um in “Demut und Reue” meine “schwarze Seele” von den doch noch recht kindhaften Sünden zu reinigen. Während der ganzen dritten Klasse wurden wir auf das hl. Bußsakrament vorbereitet, lernten im Katechismus den Beichtspiegel auswendig und wurden eindringlich ermahnt, Gewissenserforschung zu treiben und Reue zu zeigen. Niemandem, außer dem Herrn Pfarrer durften wir unsere läßlichen Sünden, geschweige denn die paar vermeintlichen Todsünden, verraten Damit ich beim Beichten ja keine vergaß, was schon wieder eine neue Sünde gewesen wäre, schrieb ich sie mit Tintenbleistift sorgfältig und gewissenhaft hinter die einzelnen Gebote, die im Katechismus aufgeführt waren und verewigte somit mein Sündenregister bis auf den heutigen Tag.

Bei einem Gebot verstand ich trotz eifrigen Auswendiglernens nicht ganz den Sinn und konnte mir nicht erklären, wie es möglich war oder was dahinter steckte, dass jemand seines Nächsten Weibes begehrte. Als wir dann im Katholischen Religionsbüchlein die Geschichte von den beiden Richtern gelesen hatten, wusste ich nicht, zu welcher Sünde sie die unschuldige Susanna verführen wollten.

Das erste Gebot machte mir nicht viel Kopfzerbrechen. Auch wenn es schon hie und da vorkam, dass ich die täglichen Gebete vernachlässigte, war es dennoch müßig zu fragen, ob ich andere Götter anbeten würde. Aus der Mosesgeschichte kannte ich doch nur das Goldene Kalb, um das die Menschen auch heute noch so gerne herumtanzen. Den Namen Gottes leichtsinnig oder im Zorn auszusprechen, gar zu fluchen, wie Vater es manchmal tat, widersprach meinem kindlichen Gemüt. Besser als der Herr Stadtpfarrer sorgte meine Mutter dafür, das ich im dritten Gebot nicht den “Sabbat” brach und schickte mich jeden Sonntag rechtzeitig, mit einem sauberen Gewand und frischgewaschenem Hals, in die halb elf Uhr Messe. Ich “dankte” es ihr im vierten Gebot, wo ich mir vorwurfsvoll eingestehen musste, meine Eltern sehr oft geärgert zu haben. Erleichtert konnte ich das fünfte Gebot gleich ganz auslassen; denn ich hatte noch nie getötet und von einer Feindschaft wusste ich auch noch nichts. Schwieriger wurde es beim sechsten Gebot. Wenn ich heute daran denke, dass ein neunjähriger, noch nicht aufgeklärter Bub, gefragt wurde ob er schon einmal Unkeusches angeschaut, gedacht oder vielleicht sogar getan hat, kann ich über so viel Unvernunft nur den Kopf schütteln. Eher noch lasse ich mir die beiden letzten Gebote eingehen, da sich Kinder schon zu allen Zeiten mit dem Laster des Stehlens und der Lüge auseinandersetzen mussten.

Blicke ich in die Gegenwart, wo berichtet wird, dass bereits Kinder zu Serienstraftätern werden, ja sogar ihre Lehrer und Mitschüler umzubringen versuchen, wo Ehebruch und Abtreibung nicht mehr bestraft und gleichgeschlechtliche Paare auf das Recht pochen, kirchlich vermählt zu werden, wo die Sonn- und Feiertage der Gewinnsucht und dem Vergnügen zum Opfer fallen sollen, stelle ich mir ganz betroffen die Frage, was unsere Gesellschaft falsch gemacht hat und wohin sie eigentlich treibt. Gelten die zehn Gebote denn überhaupt nicht mehr?

Das Wort der Kirche aber, die in zwischen eingesehen hat, dass man den Glauben nicht auswendig lernen kann, sondern von Gott als Gnade übermittelt bekommt, wird von vielen leider nicht mehr gehört und anerkannt.

Hans Lehrer