Rund um das Ohrringl

Im ganzen Dorf war der Bauer Valentin vom Pfeiferpeteranwesen der einzige, der ein kleines, unscheinbares Ringlein im Ohr trug. Während ich damals noch ein kleiner Bub war, gehörte er schon zu den alten Austragsbauern. Ihn selbst habe ich mir nie zu fragen getraut, was es mit diesem Ring denn auf sich habe, wo doch sonst nur Frauen und Mädchen solche Ringe trugen. Als der Ohrring aber bei den Männern allmählich immer mehr in Mode kam, musste ich wieder an den alten Pfeiferpeter denken. War er doch mit seinem Ringlein damals der Zeit schon um einiges voraus gewesen.

Heute weiß ich, dass der Ohrring seit jeher schon sowohl bei Frauen als auch bei Männern vieler Völker in Gebrauch ist. Dabei diente er vor allem früher nicht nur allein zur Verschönerung, sondern war auch aus abergläubischen Gründen beliebt. Geht man nach einem Alten Volksglauben, hilft der Ohrring hauptsächlich gegen Augenkrankheiten und stärkt das Augenlicht. Ebenso ist auch der Stoff, aus dem die Ohrringe gemacht sind, wichtig. So soll das Gold der Ringe, die man besonders bei Augenentzündungen der Kinder verwendet, den Krankheitsstoff anziehen. Kann aber auch sein, dass das Durchstechen der Ohren gar schon etwas mit "Akupunktur auf bayrisch" zu tun hatte.

Erwähnt sei auch, dass die Ohrmarken der Haustiere, womit der Besitzer sein Eigentumszeichen anbringt, mit dem Aberglauben verbunden sind. So werden Schweine, denen man einen Schlitz ins Ohr schneidet, leichter fett.

Es soll nicht unterschätzt werden, dass durch Ansetzen von Grünspan und Verunreinigung der Wunde nach dem Ohrringstechen es zu verschiedenen Krankheiten kommen kann. Wie halt immer, übertreiben manche, indem sie ihre Ohren wie ein Sieb durchstechen, als ob ein Ring nicht schon genug wäre. Sie wollen dabei die Aufmerksamkeit der Mitmenschen auf sich lenken und ihren seltsamen Lebensgefühlen einen provokativen Ausdruck verleihen.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 12.07.2003

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