Auf dem Oktoberfest

Die erste Wiesn nach dem Krieg war nur ein einfaches "Herbstfest" und fand in einem ganz bescheidenen Rahmen statt. Zu schmerzhaft waren noch die Wunden, die der Krieg und die Zeit davor hinterlassen hatten, als dass man schon wieder fröhlich und unbeschwert hätte feiern können. Ich war damals vier Jahre alt, als ich zum ersten Mal "hinausdurfte". Bis auf ein paar Buden und Fahrgeschäfte, deren Umrisse ich schon von weitem sehen konnte, war die große Festwiese am Fuße der Bavaria noch ein leerer, verwaister Platz. Es gab noch fast nichts zu kaufen, und ich bekam als Spielzeug nur einen kleinen Propeller aus Blech geschenkt, der in der Mitte ein Loch hatte und den man fliegen lassen konnte, wenn er an einer Metallspirale hochgeschoben wurde. Später durfte ich noch eine Fischsemmel verzehren, wahrscheinlich die erste in meinem Leben, von der ich prompt krank wurde und anschließend spucken musste.

Schon bald darauf ging es auch mit dem Oktoberfest wieder rasant aufwärts, und es gehörte schon fast zur Tradition, dass ich mit Tante Betti, einer ledigen Schwester meines Vaters, die seit Wochen bereits das Eiergeld auf die Seite getan hatte, am Hauptsonntag mit der Linie 19 ab Steinhausen auf die Wiesn fahren durfte. Vorsichtshalber hatte sie das Geld für die Rückfahrt gleich in einem separaten Fach ihres Handtäschchens verstaut, damit ich ihr nicht den letzten Pfennig abbetteln konnte und wir den langen Heimweg gar zu Fuß hätten antreten müssen. Ich kriegte natürlich nicht genug und wollte fast überall fahren, während die Tante jedes Mal geduldig auf mich wartete, sich ein Loch in den Bauch stand und hin und wieder die Beine, die mit den schwarzen Wollstürmpfen aus dem Mantel herausschauten, ein wenig auseinander spreizte, um somit das Fünferl für den Abort zu sparen, das sie lieber mir gab. So etwas war möglich, weil die Frauen früher einen Schlitz in der Unterhose hatten, der eigentlich sehr praktisch war.

Keineswegs ließ sich meine Tante dazu bewegen, mit mir gemeinsam eine Fahrt zu unternehmen und gebrauchte die Ausrede, dass sie mit sechzig Jahren schon zu alt dafür wäre. Ohne sie aber traute ich mich weder mit der Geisterbahn zu fahren noch eine waghalsige Fahrt mit der Himalaya-Achterbahn zu riskieren. Ich musste sowieso meinen ganzen Mut aufwenden, um mich für eine Fahrt mit dem Rotor anzustellen, wo die Leute durch die Fliehkraft mit ihren Körpern an der Innenwand einer großen Tonne klebten und sich der Boden unter ihren Füßen senkte. Schiffschaukel, Riesenrad, Karussell, Teufelsrad oder ein paar Runden mit den wackligern, alten Fahrrädern zu drehen, gehörten zum obligatorischen Fahrvergnügen, und ich freute mich besonders auf den "laufenden Teppich", der auch Toboggan heißt, wo allein schon das Zuschauen größtes Vergnügen bereitete, wenn man die Leute beobachteten konnte, wie sie auf einem steilen Förderband stehend nach oben gelangten, dabei nicht mehr das Gleichgewicht halten konnten und unter den seltsamsten Verrenkungen herumpurzelten. Der schöne Ausblick von ganz oben und die anschließende Rutschpartie mit einem kleinen Stück Teppich unter dem Hintern, waren so schön, dass ich die Tante bat, noch einmal fahren zu dürfen. Wir machten auch einen kleinen Abstecher ins "Bräuroslzelt", um Vaters Bierzeichen, der in der Pschorrbrauerei arbeitete und den Gutschein für ein Essen einzulösen. Da ich nicht mit ganz leeren Händen heimkommen wollte, bettelte ich so lange, bis ich ein Wiesnherzl bekam, mit einem winzigen Püppchen als Münchner Kindl vorne drauf.

In späteren Jahren zog es mich allein oder mit einigen Spezln auf die Wiesn, wo wir uns im Teufelsrad zu einem Boxkampf hinreißen ließen, nur mit einer Hand am Lenkrad lässig im Autoskooter herumkurvten und unseren Mut in der Überschlagschaukel beweisen wollten, nachdem wir uns vorher schon bei der kostenlosen Zubanschau amüsiert hatten, selber die eine oder andere Zigarette ausprobierten und ein paar Maß getrunken hatten.

Ausgerechnet an jenem denkwürdigen Abend, wo das furchtbare Bombenattentat die Wiesn erschütterte, waren wir als junges Ehepaar, das vier kleine Kinder daheim gelassen hatte, draußen und bewunderten in der Haifischschau die mutige Schwimmerin, die auf einem Haifischrücken saß, als die Bombe am Eingangsbogen in die Luft ging und viele Menschenleben forderte.

Mag sich die Wiesn in all den Jahren auf Kosten der Gemütlichkeit auch stark verändert haben, bleibt sie doch immer das schönste Fest, das mit "O" angeht, oder ist es vielleicht doch Ostern?

Hans Lehrer