Onkel Philipp

Mein Onkel hieß mit Vornamen Philipp und war ein Mann voller Prinzipien. Geboren wurde er am 5. Januar 1888 in Kirchtrudering als erstes von fünf Kindern auf einem kleinen Anwesen, mit knapp 30 Tagwerk Grund. Er blieb ledig, wollte sich von einer Frau nichts dreinreden lassen und war mehr mit dem Wirtshaus verheiratet, von dem er ab und zu schwer heimfand, wenn er erst einmal drin war. Mit siebzehn Jahren besuchte er die Kgl. Landwirtschaftl. Kreis-Winterschule in Erding, und sein jüngerer Bruder wurde von der Mutter ausgeschimpft, als er behauptete, der Philipp sei nach Erding abgehaut, um einer Vaterschaft auszukommen. Er machte den ganzen 1. Weltkrieg auf Frankreichs Schlachtfeldern mit und schrieb kritische Feldpostbriefe heim. "Ich habe auch das Eiserne Kreuz erhalten. Aber mir wäre lieber, es wäre der Schwindel einmal gar." Er hatte Glück und kam aus dem Krieg wieder heil zurück, um den Hof zu bewirtschaften, der ihm von seinem Vater übergeben worden war. Für den Hitler konnte er sich überhaupt nicht begeistern und war unvorsichtig genug, in der Wirtschaft offen und ehrlich seine Meinung zu vertreten. Mit seiner Feststellung, die Monarchie wäre ihm lieber als der "Führer", hing man ihn bei der Gestapo hin. Er wurde sofort verhaftet und verbrachte die nächsten drei Monate im Wittelsbacher Palais, wo die politischen Häftlinge gefangen gehalten wurden. Über das, was er dort erlebt hatte, schwieg er ein Leben lang. Anscheinend mussten sie ihn damals ganz schön eingeschüchtert haben, und seine Angst, die "Braune Brut" könnte noch einmal zurückkehren, war einfach zu groß.

Mein Erinnerungsvermögen an diesen Onkel reicht weit zurück. Ich kannte ihn als einen willensstarken Menschen, der manchmal recht stur sein konnte, jedoch immer geradlinig war und nie von seinem Standpunkt abwich. Höchst selten kam es vor, dass ich mit ihm wohin durfte, und mir fällt jenes Erlebnis ein, wo wir mit der Straßenbahn nach Obermenzing fuhren und dort in den Zug nach Dachau einstiegen, um auf das Volksfest zu gehen. Obwohl ich damals erst neun Jahre alt war, trennten wir uns am Eingang zum Festplatz, er ließ mich allein herumlaufen, gab mir ein Fuchzgerl, sagte, dass wir uns in etwa ein bis zwei Stunden an der gleichen Stelle wieder treffen würden und war wie vom Erdboden verschwunden. Wahrscheinlich hockte er im Bierzelt, wo er mich nicht dabei haben wollte. Ein paar Jahre später begann er richtig abzumagern und wurde mit der Zeit immer schwächer. Er legte aber keinen Wert auf eine ärztliche Behandlung und ließ keinen Doktor an sich heran. Als die anderen gerade bei der Stallarbeit waren, starb er an Magenkrebs. Seine Schmerzen, die fürchterlich gewesen sein mussten, hielt er bis zuletzt aus. Er, der beim Abschiednehmen nie die Hand hergeben wollte, schüttelte plötzlich einem jeden die Hand, als er spürte, dass es zu Ende ging. Aber beim Sterben ließ er sich nicht zuschauen.

So verlor der Hof seinen letzten Bauern und ich einen liebenswerten, mir besonders wertvollen Menschen.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 04.05.2003

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