Fluchtversuche

Flucht ist meistens der letzte Ausweg, sich vor Gefahren zu schützen, oft aber auch nur das einfachste Mittel, um den unangenehmen Dingen im Leben aus dem Weg zu gehen. Ich mochte vier Jahre alt gewesen sein, als ich zum ersten Mal in meinem Leben die Flucht vor etwas ergriff, um meine Freiheit zu verteidigen oder sie durchzusetzen.

Mutter wollte unbedingt, dass ich in den Kindergarten gehe, damit sie mich tagsüber los war, und mein ganzes Jammern, es würde mir dort nicht gefallen, half nichts. Meine Tante hatte mehr Verständnis für mich, aber auf ihr Wort wurde leider nicht gehört. Allerdings bestärkte sie mich in meiner Abneigung gegen den Kindergarten, da dieser von katholischen Schwestern geleitet wurde und meine Tante evangelisch war. Sie hetzte mich regelrecht gegen die Nonnen auf und warnte mich besonders vor einer dürren, langen, die auf dem einen Auge schielte. Nachdem ich schon mehrere Male in einem unbeobachteten Augenblick das Gartentürl des Kindergartens geöffnet hatte und ausgerissen war, wurde es meiner Mutter zu dumm, und sie sperrte mich zur Strafe in den Hühnerstall. Wie lange ich dort verweilte, weiß ich heute nicht mehr, aber ich kann mich an den Moment noch gut erinnern, wo ich mit einem Fußtritt das kleine Fenster einschlug und durch das Loch abhaute.

Der nächste Versuch, meine Freiheit wieder zu erlangen, war zwanzig Jahre später, als ich zum Militär einzogen wurde, und die "Notwendigkeit des Dienstes in der Bundeswehr" nicht einsehen wollte. Das hatte seine bestimmten Gründe; denn immerhin wurde ich mitten im zweiten Weltkrieg geboren, so dass mir die Abneigung schon in die Wiege gelegt worden war, und als guter Katholik nahm ich die Lehre Jesu Christi scheinbar zu wortwörtlich, der einst davon sprach, das Schwert lieber in der Scheide stecken zu lassen, um nicht selbst damit umzukommen. Ich hatte es einfach satt, mich während der Grundausbildung bei vermeintlichen Tieffliegerangriffen in die Drecklacken zu werfen, oder über Wiesen zu robben, auf denen vorher die Schafe geweidet hatten und fühlte ich mich jedes Mal in meiner Menschenwürde stark angegriffen. Mit einem Flugticket nach Damaskus bereitete ich meinem Soldatendasein zunächst ein Ende und kehrte vom Wochenendurlaub nicht mehr in die Kaserne zurück. Meine orientalischen Abenteuer waren jedoch so unglaublich, dass ich schön langsam wieder Heimweh bekam, auf die Freiheit pfiff und nach drei Monaten erneut in die Kaserne einpassierte. Ganz scheinheilig erkundigte ich mich an der Wache, wo man sich melden müsse, wenn man den Urlaub überzogen habe. Als ich aber gefragt wurde, um wie viel Stunden es sich dabei handle, war der Soldat leicht schockiert, wie er hörte, dass es immerhin drei Monate gewesen seien. Anschließend brachte ich dennoch die gesamte Militärzeit, einschließlich einer Arreststrafe von drei Wochen, anstandslos wenn auch widerwillig, hinter mich, und ich möchte heute, nach so vielen Jahren behaupten, dass sie eine der schönsten Zeiten überhaupt gewesen ist, die ich erlebt habe.

Noch einmal ergriff ich die Flucht in meinem Leben; damals, als ich dreißig Jahre alt war und den Entschluss gefasst hatte, zu heiraten. Allerdings war meine Auserwählte keine hiesige, sondern ein Mädchen, das aus einem anatolischen Bauerndorf stammte, in dem auch die Hochzeit stattfinden sollte. Um mich dort besser einzugewöhnen und die künftige Verwandtschaft näher kennen zu lernen, fuhr ich schon ein paar Wochen früher los und geriet dabei immer mehr ins Grübeln, ob das auch der richtige Entschluss gewesen sei. Zunächst wurde mit den zukünftigen Schwiegereltern über die Morgengabe gefeilscht, die ich noch vor der Hochzeit zu erbringen hatte, um anschließend gleich über die Abfindung zu verhandeln, die bei einer zukünftigen Scheidung durch mich fällig geworden wäre. Ich war der erste Europäer, der aus diesem Dorf ein Mädchen heiraten wollte, und die Ablehnung manch eines Bewohners war deutlich spürbar. Was nützte es da, dass ich bereits Türkisch konnte, zum Islam übergetreten war und sogar die Wallfahrt nach Mekka hinter mich gebracht hatte. Erst jetzt merkte ich, auf was für ein Abenteuer ich mich da eingelassen hatte, obwohl meine Braut ein liebliches Geschöpf war und nicht einmal ein Kopftuch trug. Trotzdem brauchte ich nochmals Bedenkzeit und einen klaren Kopf. Ich ergriff die Flucht nach vorne, setzte mich ins Auto, trat auf das Gaspedal und fuhr den langen Weg nach Deutschland in einem Stück zurück, ohne mich von jemandem verabschiedet oder noch einmal umgedreht zu haben. Es dauerte nur ein paar Tage, bis ich mich daheim endgültig zu dem Entschluss durchgerungen hatte, wieder zu meiner Braut zurückzukehren, dieses Mal für immer, und ich habe diesen Entschluss in den dreißig Jahren unserer Ehe "fast" nie mehr bereut.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 09.05.2003

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