Poesiealbum

Der Brauch, ein Poesiealbum zu führen, in das man Freunde zur Erinnerung Gedichte und Sprüche schreiben lässt, ist schon alt und besonders bei jungen Mädchen beliebt.

Eltern und Großelter, Onkel und Tanten, Tauf- und Firmpaten verewigten sich im Laufe der Zeit meist auf den ersten Seiten mit Lebensweisheiten und frommen Sprüchen, die sie dem Kind mit auf den Weg geben wollten.

“Willst du glücklich sein im Leben
trage bei zu andrer Glück
denn die Freude, die wir geben,
kehrt ins eigene Herz zurück.”
11.6.1899

Die Geschwister, vor allem die kleineren, bemühten sich, ihr Verslein fein säuberlich hineinzuschreiben, soweit sie dazu schon imstande waren. Schulfreundinnen versprachen in ihren Gedichten, in die häufig das Blümchen Vergissmeinnicht mit eingeflochten wurde, Freundschaft und Treue oft bis ins Grab. Cousin und Cousine, Nachbarskinder, hie und da Erwachsene aus dem Bekanntenkreis trugen sich gerne in das Album ein.

“Wir leben so dahin
und nehmens nicht in acht,
dass uns jede Stunde,
das Leben kürzer macht.”
Mai 1904

Eine besondere Ehre war es natürlich, wenn sich auch Klassenlehrer und Hochwürden in einer gestochenen Schrift mit einem Wahlspruch einschrieben.

“Auf Gott vertrau
arbeite brav
und leb’ genau!”

  1. Juni 1883

Viele Jahre sind inzwischen vergangen. Unbeachtet liegt das Poesiealbum irgendwo in der hintersten Ecke einer Schublade, wo es in Vergessenheit geraten ist, bis man sich plötzlich wieder einmal drauf besinnt und sich die Zeit nimmt, darin zu blättern. Großeltern und Eltern leben schon längst nicht mehr. Doch es ist, als würden sie noch immer zu einem sprechen, wenn man ihre Zeilen von einst liest. Vielleicht hatte man als Kind diese Worte noch nicht so richtig verstanden, heute sind sie ein Vermächtnis.

Das Leben ist Nebel, verstehst du den Sinn?
Ja, Nebel ist’s Leben, schnell fließt es dahin.
Und was wir erworben und was wir geliebt,
wir müssens verlieren, der Nebel zerstiebt.”

Wer konnte schon ahnen, dass der Cousin, der als Kind damals seine Glück- und Segenswünsche mit einer geschnörkelten Schrift zu Papier brachte, später nicht mehr aus dem Krieg heimkommen oder dass die Schwester, die in ihrem kindlichen Sprüchlein ein heiteres Leben ohne Kummer und Schmerz gewünscht hatte, selber einmal jämmerlich am Alkohol zugrunde gehen würde, weil sie mit dem Leben nicht mehr zurechtkam.

Jedes beschriebene und mit einem bunten Bildchen versehene Blatt ist verbunden mit einer Erinnerung an die schöne, nie wiederkehrende Zeit der Kindheit. Wehmütigen Herzens denkt man über all die guten Wünsche nach, die das Kind stets begleiten und ihm das Leben leichter machen sollten - Wünsche, die sich leider nie erfüllten.

“So heiter wie ein Frühlingsmorgen
verfließe deine Lebenszeit
von Kummer frei und frei von Sorgen
in glücklicher Zufriedenheit.”

  1. Oct. 1829

Schon vor langer Zeit habe ich damit begonnen, diese Büchlein der Erinnerung zu sammeln. Soweit sie die eigene Familie angehen, lerne ich im Nachhinein die Handschrift meiner Urgroßeltern und etwas über ihre Einstellung zum Leben kennen. Ich stoße auf Namen von Leuten, die mir aus Erzählungen von früher her nicht unbekannt sind. Keiner von ihnen lebt mehr, doch ihre Worte leben weiter und warten darauf, von uns gelesen zu werden.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 16.07.2003

Alle Bilder und Texte auf diesen Seiten sind urheberrechtlich geschützt.
Nachdruck auch auszugsweise nur mit Genehmigung des Verfassers.