Prosit Neujahr

Während andere den Jahreswechsel feuchtfröhlich und ausgelassen feiern, verspüre ich in den letzten Stunden des alten Jahres leichte Wehmut und stille Hoffnung. Ich komme ins Sinnieren und denke, dass schon wieder ein Jahr zu Ende geht, das mich dem Grabe ein Stückchen näher bringt. Doch die vielen, gut gemeinten Glück- und Segenswünsche, die ich von überall her erhalten habe, lassen mich hoffen, dass auch das neue Jahr ein gutes, wenn nicht sogar ein besseres sein wird.

Solche und ähnliche Gedanken mussten sich die alten Germanen wahrscheinlich nicht machen; denn bis in die christliche Frühzeit hinein kannten sie nämlich noch keinen scharf bestimmten Jahresanfang. Den hatten ursprünglich nur Orientalen und Römer. Im alten Rom begann das Jahr mit dem 1. März, weil da die höchsten Beamten ihr Amt antraten. Im Jahre 153 v. Ch. geschah das zum ersten Mal am 1. Januar, und dieser Tag wurde damit Jahresbeginn. Im Christentum begannen die Neujahrsbräuche mit dem neuen Kirchenjahr am Anfang der Adventszeit und endeten mit dem 6. Januar, der heute noch als der "alte bäuerliche Neujahrstag" in den Alpenländern gefeiert wird, an dem mit der "Erscheinung des Herrn" die göttliche Sendung ihren Anfang nimmt. Dazwischen lag der 25. Dezember, der in Deutschland zum beliebtesten Jahresanfang wurde. Somit schwankte der Jahresbeginn lange zwischen den genannten Terminen, und erst 1691 setzte Papst Innozenz XII. den Jahreswechsel endgültig auf den 1. Januar fest.

Nach altem Brauch kündet festliches Geläute den Anfang eines neuen Jahres. Bevor aber die Glocken das neue Jahr einläuten, möchte man die letzten Stunden vorher nur ungern allein verbringen und das ist gut so; denn die Neujahrsnacht ist eine Geisternacht. Neben Thomastag, Weihnacht und Epiphanias ist sie eine der vier Rauhnächte, in denen das Haus durchräuchert wird, um schlimme Gefahren abzuwenden. Draußen vertreiben Schießen und Peitschenknallen die Hexen und bösen Mächte. Lärm und Getöse gehört in der Neujahrsnacht überall zu den Mitteln der Geisteraustreibung. Ruhiger sind die Umzüge, die mit Beglückwünschung und Ansingen verbunden sind. Mit Lust und Fröhlichkeit wird das neue Jahre begonnen. Das Glückwünschen ist nicht bloß Höflichkeit, sondern ein wirksamer Zauber. An manchen Orten ist es auf den Morgen oder Vormittag beschränkt. Wir Kinder standen etwas vor 12 Uhr auf, wünschten Vater und Mutter das gute Neujahr und gingen dann wieder ins Bett. Einer sucht dem anderen "das Neujahr abzugewinnen", d.h. der erste beim Glückwunsch zu sein; denn das sichert ihm ein Geschenk oder bringt Glück. Man darf aber nicht übers Kreuz gratulieren, das bringt Unglück.

Unübersehbar an Zahl und Mannigfaltigkeit sind die Versuche, zu Neujahr einen Blick in die Zukunft zu tun. Besonders beliebt sind das Aufschlagen der Bibel oder des Gebetbuches aufs Geratewohl, Schuhwerfen und Bleigießen. Was man in der Neujahrsnacht träumt, geht in Erfüllung, namentlich wenn man einen geweihten Gegenstand unters Kopfkissen legt. Vor allem sind Hochzeit und Tod Gegenstände der Wissbegier. Aus der Oberpfalz stammt der Brauch, dass heiratslustige Mädchen in der Sylvesternacht einen Apfel durchschnitten, um aus der Zahl der Kerne auf eine Heirat zu schließen: Eine gerade Zahl deutete auf eine baldige Heirat hin. Auch ein Todesfall kann entweder aus ungewollten Vorzeichen oder aus absichtlichen Handlungen vorgesehen werden. So wird ein Toter zu beklagen sein, wenn die Wäsche zwischen Weihnachten und Neujahr zum Trocknen auf den Speicher gehängt wird. Endlich ist auch das Wetter am Neujahrstag nicht nur für das Wetter der Folgezeit und damit für die künftige Ernte, sondern auch für andere Ereignisse vorbedeutend und bestimmend. Wie es an Neujahr ist, so wird es auch im kommenden Jahr sein.

Eines aber wird immer deutlicher. Mit zunehmendem Alter vergeht die Zeit wie im Flug und so ein Jahr ist im Grunde genommen gar nichts.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 02.01.2003

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