Pumpbrunnen

In unserem Garten steht ein alter Pumpbrunnen, mit dem sich meine Eltern vor siebzig Jahren ein kleines Denkmal gesetzt haben. Ein Jahr lang dauerte es damals, bis meine Mutter durch ihre Arbeit als Verkäuferin beim Konsumverein tausend Mark zusammengespart hatte; denn soviel kostete nämlich das Grundstück, auf dem wir erst viel später unser Häusl bauten. Die erste Zeit nutzten wir den “Grund” nur als Gemüsegarten, mit Beerensträuchern und Obstbäumen. Vor allem in der schlechten Zeit wussten wir seine Früchte wohl zu schätzen und mit viel Fleiß und Freude bauten wir alles an, was darauf wuchs; sogar aus den Tabakspflanzen, die Vater besonders hegte und pflegte, wurde etwas. Nachdem das Grundstück eingezäunt und die Straße von uns selbst hergestellt worden war, begannen meine Eltern einen Brunnen zu graben; denn ohne Wasser wächst und gedeiht bekanntlich gar nichts. Sie hoben eine mehrere Meter tiefe Grube aus und waren leichtsinnig genug, die Wände nicht einmal mit einer Schalung abzustützen. Das letzte Stück wurde der Brunnen “geschlagen”, bis das Rohr das Grundwasser erreichte. Meister Sieberglas versicherte uns, dass wir bei dieser ausreichenden Tiefe immer genügend Wasser hätten, was sich bis auf den heutigen Tag bewahrheitete. Wir wussten dieses Brunnenwasser, das nicht über einen Zähler lief, als ein Geschenk des Himmels stets zu schätzen. Im Gegensatz zu heute, konnte man es früher unbedenklich als Trinkwasser verwenden. Es kam so frisch aus dem Boden und löschte so herrlich den Durst an heißen Sommertag. Als wir vor fünfzig Jahren zu bauen begannen, hatten wir die ersten Jahre wegen chronischen Geldmangels noch keine Wasserleitung im Haus. Jeden Eimer Wasser, den wir benötigten, holten wir vom Pumpbrunnen, den wir im Winter gut einmachten, damit das Wasser nicht einfror. Das war eine Schinderei, aber wir wussten es nicht anders, wenn auch Mutter manchmal seufzte und vom Anschluss an das städtische Wassernetz träumte.

So ist dieser Pumpbrunnen für mich eine Erinnerung an vergangene Zeiten, in denen wir ziemlich bescheiden aber nicht weniger glücklich lebten. Auch heute noch verwende ich das Brunnenwasser zum Gartengießen. Allerdings habe ich es mir leichter gemacht und vor ein paar Jahren einen Elektromotor angeschlossen, der das Wasser aus der Tiefe schöpft - aber immer noch aus jenem alten Brunnen, den meine Eltern einst mit viel Schweiß und Mühe gegraben hatten.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 19.07.2003

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