Radausflug mit Folgen

Mutter hatte jenes denkwürdige Datum in den bayerischen Hauskalender des Süddeutschen Verlages aus dem Jahr 1952 eingetragen, so dass mir der 11. August, an dem ich mit Vater von Trudering bis zur Finsinger Alm geradelt bin, in ewiger Erinnerung bleiben wird. Sehr heiß war es damals, und unsere Hühner hatten an diesem Tag sechs Eier gelegt, was von Mutter ebenfalls gewohnheitsmäßig im Kalender vermerkt worden war. Vom Hinweg, der glatt verlief, gibt es eigentlich nichts aufregendes zu berichten. Ich freute mich halt einfach auf den schönen Ausflug; denn es kam höchst selten vor, dass Vater mit mir irgendwo hinfuhr.

Noch bevor es Mittag wurde, erreichten wir die Finsinger Alm, wo wir natürlich einkehrten und uns erst einmal eine saubere Brotzeit schmecken ließen. Vater bestellte seine erste Maß Bier, die er in hastigen Zügen hinuntertrank, um einen Durst zu löschen, und ich bekam wohl eine Limonade oder war es gar eine Radlermaß? Leider blieb es nicht bei einer Maß Bier, und Vater bestellte sich noch eine Maß und noch eine Maß und noch eine ... , wobei ich bei der zehnten Maß das Zählen aufgab. Am späten Nachmittag torkelte Vater zum Wirtshaus hinaus, und bei dem Versuch, sein Rad zu besteigen, tat er sich etwas hart. Zum Glück waren damals noch fast keine Autos unterwegs; denn Vater beanspruchte die ganze Landstraße. Er konnte sich nicht mehr auf der rechten Fahrbahnseite halten, sondern fuhr zickzack oder in Schlangenlinien so dahin. Ich fuhr tapfer hinter ihm drein und schämte mich, wenn andere Leute uns verwundert ansahen; denn Vater konnte nicht ruhig sein, sondern plärrte, wie der "Stille Zecher" in gleichnamigem Lied. Wir fuhren dieses Mal über Aschheim und kehrten noch einmal im Gasthof Butz in Dornach ein, wo die Stolzn Anni, eine Bauernstochter aus Trudering, einst eingeheiratet hatte. Sie setzte sich zu uns an den Tisch und hörte sich eine Weile den Schmarrn an, den Vater verzapfte und der sich nicht darum scherte, dass ihr Mann zur gleichen Zeit oben in der Schlafkammer im Sterben lag.

Dass wir spät am Abend dennoch wieder heil daheim angekommen sind, verdankten wir wahrscheinlich einem ganz besonderen Schutzengel. Mutter hatte es mit Vater gewiss nicht leicht, besonders in jener Nacht nicht, wo er zu allem Übel auch noch die Aborttüre mit der Tür des Kleiderkastens verwechselte und die Schachtel mit den Familienfotos, die Mutter zum Trocknen am Waschstrick aufhängen musste, beinahe davon geschwommen wäre.

Dieser 11. Augut sollte später noch eine besondere Bedeutung bekommen; denn genau am gleichen Tag, allerdings zehn Jahre später, ist Vater, der wieder einmal eine Woche zuvor von einer Bierreise heimgekommen war, ganz schnell an einem "inneren Brand" infolge seiner Trunksucht gestorben.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 01.08.2003

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