Reiseziele

An dem Spruch, dass wir nicht für die Schule sondern fürs Leben lernen, ist etwas Wahres daran. Bereits im Erdkundeunterricht, reifte in mir schon bald der Entschluss, mich später einmal in der Welt umzuschauen und sich selber eine Meinung über Land und Leute zu bilden. Es kamen die Jahre, wo ich in meiner Sturm- und Drangzeit mit dem Rucksack auf dem Buckel immer weiter herumgekommen bin und mich die Reiselust ganz fest gepackt hatte. Auf einer Pilgerfahrt ins Heilige Land, die mich über die Türkei nach Syrien, Jordanien und Israel führte, lernte ich vor allem die faszinierende Romantik Arabiens kennen, die mich nie mehr ganz loslassen sollte. Mein weitestes Reiseziel war Indien, wobei ich auf meinem Weg dorthin die Länder Iran, Afghanistan und Pakistan kennen lernte. Drei Monate war ich damals unterwegs.
Ein LKW-Fahrer, der wie König Ludwig aussah, mit einem verwegenen Turban auf dem Kopf, nahm mich auf einer waghalsigen und nicht ungefährlichen Fahrt nach Kaschmir mit, einem der schönsten aber auch umstrittensten Täler auf dieser Welt. Überhaupt nicht anfreunden konnte ich mich mit Indien, dessen Bevölkerung einem ständigen Existenzkampf auf Leben und Tod ausgesetzt ist und auch seine Lebensweise danach ausgerichtet hat. Hier erlebte ich eine Armut, die mir zuweilen die Tränen in die Augen trieb. In Kalkutta, wo die Luft unerträglich heiß und feucht ist, leben viele Menschen einfach auf den Straßen, weil sie kein Dach über dem Kopf haben. Leben und Tod, prägen das alltägliche Straßenbild. An den bloßen Füßen der Toten, die aus den Reismatten herausschauen, in die sie eingerollt werden, konnte ich feststellen, ob es sich dabei um junge oder alte Menschen gehandelt hat, die verstorben waren und zum nächsten Scheiterhaufen getragen wurden.

"Nur weg", dachte ich. "Raus aus diesem Land", das mir leicht selbst zum Verhängnis hätte werden können, wo die leprakranken Bettler ihre verstümmelten Arme nach einem Almosen ausstreckten und die Kühe, deren Dung sogar heilig ist, sich unter die Tempelbesucher mischen durften. Niemand würde von mir Notiz genommen haben, wenn ich dort aus dem irdischen Dasein geschieden wäre. Eine Reismatte und ein Scheiterhaufen - das wär's dann gewesen. Auch der große Gandhi, dessen kampflosen Widerstand ich hoch einschätzte, konnte mir mit seiner Lehre, die scheinbar nur auf dem Papier bestand, gestohlen bleiben; denn in Indien erlebte ich fast ausschließlich eine brutale Ellbogengesellschaft.

In meinem Erdkundebuch erinnerte ich mich an eine Seite, wo auf einem Bild ein riesengroßer, mit einem schwarzen Tuch behangener Würfel "Die Kaaba in der Großen Moschee in Mekka abgebildet war, die von Andersgläubigen nicht betreten werden darf. Da ich auf Verbote seit jeher sensibel und abweisend reagiere, setzte ich mir in den Kopf, ebenfalls dorthin zu pilgern, notfalls sogar die Religion zu wechseln. Der Herrgott blieb ja doch derselbe, wenn auch in einer etwas anderen Verpackung. In den nächsten Jahren widmete ich mich voll und ganz dem Islam, der nichts anderes als eine "Hingabe an Gott" bedeutet und wurde praktizierender Moslem, bis es soweit war, dass ich mit einem Pilgervisum in der Tasche, ein Flugzeug nach Saudi Arabien, in Richtung Mekka, besteigen konnte. Aus allen Teilen der islamischen Welt kamen die Pilger angereist. Deutsche Pässe befanden sich damals allerdings nicht darunter, und mit meinem christlichen Vornamen wurde ich ganz misstrauisch wie ein Eindringling behandelt, der seine Zugehörigkeit zum Islam erst einmal durch eine strenge Prüfung beweisen musste, was mir dennoch nicht schwer fiel, da ich den Koran schon halb auswendig konnte und über die fünf Glaubenssäulen des Islam vielleicht besser Bescheid wusste, als manch anderer Moslem. Anschließend band ich mir zwei weiße Leintücher, die einzige Kleidung eines jeden Pilgers für die nächsten Tage, um und konnte endlich das Heiligtum, in dem man sich Tag und Nacht ganz ungezwungen aufhalten und meditieren kann; betreten. Verschiedene Aufgaben und Gebote mussten zu ganz bestimmten Zeiten beachtet und eingehalten werden, um sich den Titel eines Hadschi zu erwerben. Abertausende von Kamelen, Schafen und Rindern wurden als Opfergabe geschlachtet, um dann einfach in der Erde verscharrt zu werden. An drei verschiedenen Stellen wurde der Satan symbolisch gesteinigt, wobei auch die Pilger häufig gleich "mitgesteinigt" wurden, wenn sie von den in einem ganz bestimmten Tal zu nächtlicher Stunde gesammelten Kieselsteinen unfreiwillig und unbeabsichtigt getroffen wurden. Panik, wie schon öfters geschehen, durfte keine ausbrechen, denn die Leute hätten sich gegenseitig zu Tode getrampelt. Diese, voller Inbrunst durchgeführte Wallfahrt, bei der ich auf Schritt und Tritt Gottes Nähe tatsächlich zu verspüren glaubte, und die mit dem Besuch des Prophetengrabes in Medina nach sieben Wochen endete, war wohl mein größtes geistiges Erlebnis in meinem ganzen Leben. Erwähnt sei noch, dass ich erst durch die islamische Mystik zum wahren christlichen Glauben zurückgefunden, in dem ich aufgewachsen bin, aber von mir früher teilweise stark angezweifelt worden war.

Meine beiden, im Wasser der heiligen Quelle "Sem Sem" gewaschenen Leintücher aber bewahre ich auf und möchte einmal, wie jeder Hadsch-Pilger, darin eingewickelt werden, wenn ich einst meine letzte Reise antrete.

Hans Lehrer