Reise nach Damaskus

Meine Reise nach Damaskus im Jahr 1965 stand unter keinem guten Stern. Gleich bei meiner Ankunft wurde ich Zeuge einer Hinrichtung, mitten auf dem Hauptplatz der Stadt, wo alle zuschauen konnten und die Kinder sogar schulfrei bekommen hatten. Aufgehängt wurde Elia Cohen, ein bedauernswerter Kerl, der ein gefährlicher Spion für Israel gewesen sein soll und die Golanhöhen ausgekundschaftet hatte. Stundenlang ließ man ihn in einem langen weißen Büßerhemd am Strick baumeln.

Mir war die Lust auf Damaskus gründlich vergangen, und bestieg noch am selben Tag ein Taxi, mit dem ich weiter nach Jordanien fuhr, direkt ins Palästinenserlager Balata, bei Nablus, wo einer meiner besten palästinensischen Freunde lebte und Abdallah hieß. Ich hatte ihn bereits vor zwei Jahren an jener Stelle kennengelernt, wo Jesus einst mit der Samariterin zusammengetroffen war. Von ihm erfuhr ich, dass israelische Soldaten nördlich von Tel-Aviv die Grenzstadt Kalkilya angegriffen und teilweise zerstört hatten, genau an jener Stelle, wo Israel nur ein paar Kilometer breit ist. Aus reiner Neugierde wollte ich das Ausmaß der Zerstörung selbst in Augenschein nehmen und schloss mich einem einheimischen Zahnpastaverkäufer an, der mit seinen vielen Schachteln gerade dorthin unterwegs war und in den Bus einstieg. Ich tat so, als ob wir zusammen gehören und half ihm, sein Zeug loszuwerden. Mit meiner Blendax Zahnbürste, die bald begehrter war, als all seine Tuben, zeigte ich den Leuten, wie man die Zähne richtig putzt und ließ ganz nebenbei meine Blicke umherschweifen. Leider nahm mein gewagter Ausflug kein gutes Ende; denn bei meiner Rückkehr nach Nablus wurde ich wegen Spionageverdacht von der jordanischen Polizei sofort vom Bus heraus verhaftet und in das Stadtgefängnis geworfen, um anschließend in das Zentralgefängnis nach Amman überstellt zu werden. Hier erlebte ich ein paar interessante, wenn auch bange Tage der Ungewissheit, da ich nicht wusste, wie es weitergehen sollte. In diesem Gefängnis waren alle Zellentüren offen, so dass ich mit den übrigen Gefangenen in Verbindung treten konnte, um sie über ihr Schicksal eingehend zu befragen. Meine arabischen und englischen Sprachkenntnisse waren mir dabei von großem Vorteil. Ich lernte vom einfachen Ganoven bis hin zum Schwerverbrecher alles kennen und hatte keinerlei Schwierigkeiten, mich zu behaupten. Mein Geld, das ich im Brustbeutel aufbewahrte, händigte ich doch lieber dem Wachpersonal aus, wo ich es in besseren Händen wusste und ließ mir das Essen von außen kommen, da sich jeder selbst verpflegen musste. Plötzlich öffnete sich die Gittertüre und ein betrunkener Randalierer wurde zur Ausnüchterung in eine der Zellen geworfen. Es stellte sich heraus, dass er mit dem jordanischen Königshaus in Verbindung stand und ein Immunitätsschreiben vorzeigen konnte, das ich ihm am liebsten geklaut hätte, um es später der Öffentlichkeit zu präsentieren. Soweit kam es nicht, da er schon nach kurzer Zeit befreit wurde. Meine eigene Befreiung ließ leider auf sich warten, und ich wurde mehrere Male verhört, bis man mich als unerwünschten Ausländer, dem man nicht eindeutig eine Schuld nachweisen konnte, wieder über die Grenze nach Syrien, allerdings mit Handschellen, abschob.

Spätestens jetzt bekam ich ein flaues Gefühl im Magen; denn ich wusste ja bereits, was für eine Strafe den Spionen in Damaskus drohen konnte. Nachdem ich auch dort die Gefängnisse zur Genüge kennengelernt hatte, "durfte" ich endlich Damaskus binnen einer Stunde verlassen und begab mich in den Libanon, zum Glück als freier Mann, so dass ich in Beiruth als einzige Ausreisemöglichkeit ungehindert ein Schiff besteigen konnte, mit dem ich nach Dubrovnik fuhr, einer wunderschönen Stadt übrigens, die an der adriatischen Küste liegt, um mich dort schnell wieder von meinen unglaublichen Abenteuern zu erholen.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 18.06.2003

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