Rikschafahrer

Es ist zwei Uhr früh am Morgen. Dass der Vereinsabend so lange dauern würde, hätte ich nicht gedacht. Ich habe die letzte U-Bahn verpasst, und die nächste Straßenbahn kommt erst in einer Stunde. Vom Sendlinger Tor bis nach Trudering ist es weit. Aber so ein Nachtspaziergang in einer lauen Sommernacht hat natürlich auch seine Reize, und so laufe ich lieber zu Fuß heim. Am Isartor entdecke ich einen Rikschafahrer, wie ich ihn zuletzt vor mehr als dreißig Jahren in Indien gesehen habe. Damals, in Patankok, wurden wir nicht handelseins, und mit meinen drei Sätzen, die ich in der Landessprache auswendig gelernt hatte, gelang es mir, ihn abzuwimmeln. Erst fragte ich ihn, wie viel denn die Fahrt koste “It a gimula?”, dann stellte ich fest, dass sie mir zu teuer war “mengahä”, um schließlich mit “neidscheida”, was so viel wie “ich wünsche es nicht” bedeutet, den Handel abzubrechen.

Dieses Mal aber kam mir der Rikschafahrer gerade recht. Ich fragte ihn, ob er noch im Einsatz sei und erfuhr von ihm, dass er sich auf dem Heimweg nach Harlaching befand. “Wie wäre es mit einem kleinen Umweg über Trudering”, fragte ich vorsichtig weiter, und zu meinem Erstaunen willigte der Rikschamann glatt ein. Als ich ihn nach dem Fahrpreis fragte, ließe er mich die Höhe selbst bestimmen. Auf so einen orientalischen Kuhhandel ließ ich mich nicht ein und wollte genau wissen, wie viel er für die Fahrt nähme. Von 15 Euro handelte ich ihn auf 10 Euro schließlich herunter, nahm hinter ihm bequem Platz und schaute zu, wie er sich abmühte. Mein mitleidiges Herz begann sich bald zu regen, und ich bot dem Rikschafahrer an, ihn auf der Fahrt abzulösen oder zumindest auf einer längeren Strecke selbst zu fahren, während dessen er sich ausruhen könne. Er nahm meine Idee gerne an, machte mich jedoch darauf aufmerksam, dass ich die Lenkstange stets ganz fest halten müsse, weil das Gefährt lieber nach links, als geradeaus fuhr. Bis zum Max-Weber-Platz ging alles gut. Doch dann verlor ich die Kontrolle über die Rikscha und prallte gegen einen Lichtmasten. Bis auf eine kleine Schramme war dem Vehikel nichts passiert, und ich setzte mich lieber wieder hinten hinein. Der fleißige Radler brachte mich bis vor die Haustür, wobei er mir erzählte, dass er eigentlich fertiger Jurist sei, mit seinem ersten Kanzleiversuch jedoch Schiffbruch erlitten hatte und jetzt schon seit zwei Jahren Rikschafahrer ist. Sein zweiter Beruf war Kuchenbäcker, der sich auf Marmorkuchen spezialisiert hatte. Ich war von diesem Rikschafahrer so begeistert, dass ich ihm gern die 15 Euro gab und obendrein noch zehn Eier von unseren “glücklichen” Hühnern zum Backen. Da er nicht mehr wusste, wie er von mir nach Harlaching käme, begleitete ich ihn ein Stück des Weges mit meinem Fahrrad, bis er auf die große Hauptstraße kam und sich wieder auskannte.

Manchmal halte ich Ausschau, ob ich den freundlichen Herrn mit der Rikscha irgendwo wieder einmal sehen würde. Er hatte mir sogar angeboten, in dringenden Fällen seinen juristischen Rat von Freund zu Freund einholen zu dürfen. Ja, in München kann es schon passieren, dass man sogar mitten in der Nacht interessante Menschen trifft.

Hans Lehrer