Schulkameradschaft

Einer meiner besten Schulkameraden war der Erb Adalbert. Bereits mit elf Jahren fuhren wir auf unseren klapprigen Fahrrädern von Trudering nach Ebersberg, wo seine Großeltern in Haselbach, droben auf dem Berg, einen Bauernhof besaßen. Wir bekamen ein gutes Mittagessen und badeten am Nachmittag im Klostersee, nachdem wir vorher noch den Aussichtsturm bestiegen hatten. Auch sonst waren wir oft beisammen, machten unsere Hausaufgaben gemeinsam und zogen die Vorhänge zu, wenn es darum ging, eine Elternunterschrift unter der Strafaufgabe zu fälschen. Das Lied “Jeden Morgen geht die Sonne auf ... “, das wir in der Singstunde neu gelernt hatten, beherrschte der Berte schon ganz gut auf seinem Akkordeon, das ihm seine Eltern lernen ließen.

Der erste Schultag in der 7. Klasse am 1. September 1954 sollte leider auch sein letzter sein. Zusammen mit zwei anderen Mitschülern fuhr er an die Isar, wo sie unterhalb der Mariannenbrücke, unweit des Deutschen Museums badeten. Das Wasser war dort nicht besonders tief, für Nichtschwimmer, wie sie es waren, wegen der Bombentrichter aus dem zweiten Weltkrieg aber dennoch gefährlich. In einem solchen Loch verlor der Adalbert den Halt und wurde von der Strömung abgetrieben. Entsetzt fuhren seine Kameraden, die wohl auch das schlechte Gewissen drückte heim, ohne gleich etwas zu sagen. Die Sache kam erst später auf, als die Eltern ihren Buben am Abend vermissten. Zwei Wochen lang wurde die Isar nach ihm abgesucht, bis der Leichnam endlich gefunden werden konnte. In der Kirche beteten wir inzwischen einen Rosenkranz nach dem anderen. Tief erschüttert nahm die Klasse an der Beerdigung im Perlacher Forst Friedhof teil und musste den großen Schmerz der Eltern mit ansehen, die ihren einzigen Buben verloren hatten.

Hans Lehrer