Starenhäusl

In der zweiten Klasse nahmen wir im Unterricht die Zugvögel durch. Dazu schlugen wir im Lesebuch die Seite 156 auf und lasen das Gedicht vom "Starmatz", der wiederkommt, wenn "der Frost nicht mehr dräut" und die Kinder zu "glücklichen Leut'" macht. Fragten wir ihn aber, was er uns mitgebracht hat, so ist es "ein bissel Knarren, ein bissel Flöten, ein bissel Zwitschern", zu mehr reicht es nicht; denn er hat keine Taschen im Rock und sagt selbst von sich:

"Kein Ränzchen ist mein;
wo tät' ich in der Fremde
für euch was hinein?"

Dafür, dass er in seinem Häuschen wieder wohnen darf, das auch der Sperling bereits mieten wollte, gibt er das Versprechen

"Ei, da sing' ich, ei da spring' ich
ei, da spaß' ich euch was!"

Wollten wir von ihm aber wissen,

"Vetter Starmatz, Vetter Jakob
wo hast du deine Frau?"

so meint er:

"Wenn die Stube wird blank sein,
dann kommt sie zum Bau,
und da gibt's artige Kinder,
nicht eins wird gewiegt;
denn ein richtiger Starmatz
ist allzeit vergnügt."

Wie überall in der Natur, so erkennen wir auch in unserer Vogelwelt eindeutig die Handschrift Gottes. Die kleinen gefiederten Geschöpfe werden sogar in der Heiligen Schrift erwähnt, wenn sie uns Jesus in einem Gleichnis zum Vorbild macht: "Sehet die Vögel des Himmels, sie säen nicht, sie ernten nicht und dennoch ernährt sie der himmlische Vater!" Ich kenne kein Pfeiforchester, das schöner klingen könnte, als jenes der Vögel, die bei Tagesanbruch zu tirilieren und jubilieren beginnen.

Als ich auf dem Flohmarkt ein Starenhäusl entdecke und ich ein solches schon immer gerne einmal haben wollte, nehme ich es gleich mit heim und befestige es am glatten Stamm einer Lärche, ziemlich weit oben, damit die Katze, die gerne nach den Vögeln jagt, diese nicht erwischen kann. Immer wieder blicke ich hinauf, ob sich nicht schon bald etwas rührt und die Starl ihr neues Quartier bereits bezogen haben. Dabei fällt mir eines Tages bei genauerem Hinsehen auf, dass das Schlupfloch über der kleinen Sitzstange nicht mehr rund sondern plötzlich oval und viel größer geworden ist, als hätte jemand heimlich mit Säge und Feile daran herumhantiert. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus, als ein Eichkätzchen mit seinen buschigen Ohren frech hervorlugt. Während ich ganz reglos bin, schnalzt es und gibt fröhliche Laute von sich, die sich wie Lachen anhören. Das also ist der kleine Übeltäter, der so lange an der Öffnung herumgenagt hat, bis er hineinschlüpfen und seine Winterruhe genießen konnte. In der Amtssprache heißt das "Hausbesetzung". Doch ich kann dem kleinen Kerlchen nicht böse sein und will es auch nicht belangen. Im Gegenteil! Es freut mich jedes Mal, wenn wir Besuch vom Eichkätzchen bekommen und schaue ihm gerne nach, wenn es flink von Ast zu Ast, von Baum zu Baum springt ... und uns im Herbst die Nüsse wegfrisst.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 01.06.2003

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