Steckerleis

Mit der großen Sommerhitze kam für uns die geliebte Eiszeit, die sich beim Kornprobst drüben in seinem Gemüseladen abspielte, wo auch am Sonntag die "Jopa"-Eisfahne herausgehängt wurde und ich den Tanten 30 Pfennig für ein Steckerleis abbettelte. "Hansl, wo gehst denn hin?" fragten mich die Heimerltöchter, die Marie, die Anna und die Josefa, die allesamt schon im heiratsfähigen Alter waren. Jede von ihnen hatte einen Freund, mit dem sie am Nachmittag auf der Wiese hinter dem Nachbarshof in der Sonne lagen. "Ein Eis darf ich mir kaufen", gab ich kurz zur Antwort und wollte nicht aufgehalten werden, als sie mir dennoch auftrugen, auch ihnen eins mitzubringen. Sie wickelten mir das Geld ein, für das ich so viele Steckerleis bekam, dass ich sie kaum tragen konnte und in meinen kleinen Händen bald zu schmelzen anfingen. "Schade um das Eis", dachte ich, "bis ich es ihnen bring, wird es ganz zerronnen sein, und niemand hat mehr etwas davon." Also suchte ich mir am Wegrand ein schattiges Plätzchen und schleckte genüsslich alle sieben Portionen, eine nach der andern, wobei sich mein schlechte Gewissen immer mehr bemerkbar machte, obwohl ich gute Gründe für eine Entschuldigung zu haben glaubte. Vergebens warteten die anderen auf ihr Eis und beschwerten sich am nächsten Tag beim Onkel: "Mit dem Hansl werdet ihr noch euer blaues Wunder erleben, der ist ja jetzt schon mit seinen sechs Jahren kriminell!" Ob sie wohl recht behielten - die Heimerltöchter?

Hans Lehrer