Straßengraben

Bevorzugter Spielplatz in meiner Kindheit war mitunter der Straßengraben vor unserem Anwesen in Straßtrudering, der sich an der Hauptstraße zwischen dem Gehweg und der gepflasterten Fahrbahn entlangzog. Er war dazu da, das Regenwasser aufzufangen und auch wieder abzuleiten. Wohin dieses genau floss, wusste ich nicht, und heute ist dieser Straßengraben längst zugeschüttet und unter einer Teerdecke verschwunden.

Fielen im Sommer heftige Regengüsse vom Himmel, dauerte es nicht lange und der Straßengraben war bald voll bis an den Rand, so dass ich schnell in die Badehose schlüpfte und im warmen Regenwasser die ersten Schwimmversuche unternahm. Das Wasser reichte mir anfangs noch bis an die Brust, später bis zum Bauch, bis ich dann noch größer wurde und das Interesse an dieser Badegelegenheit bald ganz verlor. Hier ließ ich meine selbstgebastelten Schifferl schwimmen und formte aus dem Baaz, der sich durch die aufgeweichte Erde gebildet hatte, einen Haufen Knödel, die ich als Wurfge-schosse benutzte. Einmal hatte ich es genau beieinander, als ich mein Ziel verfehlte und ein solcher Knödel auf der Windschutzscheibe eines Autos landete und dem Fahrer, der sicher eine Mordswut im Bauch hatte, beinahe die Sicht verdeckte hätte. Zu einem Unfall kam es glücklicherweise nicht , weil das Verkehrsaufkommen damals eher gering war. Dennoch kletterte ich blitzschnell aus dem Straßengraben heraus und wetzte davon, um mich vorsichtshalber zu verstecken.

In den Zeiten, wo der Straßengraben kein Wasser hatte, gehörte schon etwas Mut dazu, durch die engen, langen Rohre zu kriechen, die in der Erde dort lagen, wo der Graben an den Hofeinfahrten und Wegeinmündungen unterbrochen war. Im Sommer wucherten im Straßengraben Gras und Unkraut und Mutter ließ darin ab und zu die Schafe und Geißen grasen, die sich wie auf einer Bergweide fühlen mussten. Auch unsere Gänse und Enten freuten sich, wenn der Graben mit Wasser gefüllt war und sie ihre Schnäbel in den Schlamm stecken konnten, um nach Regenwürmern zu suchen.

In der Nacht, wenn die paar Straßenlaternen, die quer über die Straße gespannt waren, nur ein spärliches Licht verbreiteten, konnte der im Dunkel liegende Straßengraben für unvorsichtige Fußgänger und Radfahrer ganz schön gefährlich werden, besonders für jene, die nicht mehr ganz nüchtern vom Alten Wirt herauskamen und heimtorkelten. Leider ist es hin und wieder passiert, dass Vater dabei unsanft im Straßengraben landete und Mutter ihn herausziehen musste, nachdem sie ihn überzeugt hatte, dass er noch nicht im Bett oder gar in der Badewanne, sondern halt eben nur im Straßengraben liege.

Hans Lehrer