Theater spielen

Otto Thanner als Frühling

Lust und Freude am Theaterspielen verspürte ich schon als kleiner Bub im Kindergarten. In eine Rolle zu schlüpfen, sich zu kostümieren, regte geradezu meine Fantasie an. Als Fünfjähriger spielte ich eine Mohnblume, die mit anderen Blumenkindern dem einziehenden Frühling huldigte. Auch bei anderen Aufführungen durfte ich mitmachen und trat dabei ganz in die Fußstapfen meiner älteren Geschwister, die in der katholischen Jugend von Trudering regelmäßig und mit Begeisterung Theater spielten. Als mein Bruder den Knecht Florian in dem gleichnamigen Stück machte, erinnere ich mich noch gut daran, wie er als Stallknecht die Holzschuhe unserer Tante angezogen hatte, an denen noch der ganze Kuhmist hing. Der sich ausbreitende Stallgeruch machte das Stück nur noch realistischer. Bei einer "Kropfoperation", die der "Doktor Eisenbart" auf der Bühne durchführte, wurde eine furchtlose Jungfrau aufgefordert, einen Löffel von der entfernten Geschwulst zu probieren. Verständnislos und leicht angewidert blickte ich auf meine Schwester, die sich an den Rand der Bühne begab, um davon zu kosten. Später verriet sie mir, dass es ein Schokoladenpudding gewesen sei. Eine Glanzrolle von ihr war auch das "Dorate Basei", wo sich die Leute krumm lachten über sie, im Zwiegespräch mit der Fuchs Annelies, ihrer Freundin.

Meine Bühne war der Bauernhof des Onkels mit wechselnden Kulissen. Meist spielten wir Kinder hinterm Haus im Obstgarten, im Heustadel, auf der Tenne oder sonst wo. Jeder ließ sich einen Text selber einfallen, und wir berieten am Anfang nur gemeinsam, was wir spielen wollten. Zuschauer waren die Nachbarskinder, die wir zusammentrommelten. Da ich auf dem Hof so gut wie daheim war und auch sonst die meisten Einfälle hatte, bestimmte ich, wer mitspielen durfte. Das war vor allem die Rosmarie aus dem Eisenbahnerhaus, die ich gut leiden konnte und deren ältere Schwester, die zuweilen auf der Ziehharmonika spielte, um für die musikalische Unterhaltung zu sorgen. Der Stoff ging uns nie aus, vor allem nicht, seitdem es in Trudering ein Kino gab und der Radio seine bayerischen Hörspiele, die "Weiß-blaue Drehorgel", das "Bairisch Herz" oder den Kinderfunk brachte. Mit einer Hingabe spielten wir die Begegnung des Stadtmadls mit dem Landmadl, schauerliche Dramen oder Stücke, in denen jemand recht leiden musste oder gar schlecht und ungerecht behandelt wurde. Als wir "Schneewittchen" aufführten, wäre beinahe etwas ganz Schlimmes passiert. Als Zwerge verkleidet hatten wir uns Bärte aus Werg angeklebt. Beim Auslöschen einer offenen Laterne fing ein Bart Feuer, und wir konnten ihn gerade noch geistesgegenwärtig herunterreißen.

In der Pause holten wir aus dem Kartoffelkeller, dessen steile Staffeln in ein nahezu finsteres Loch führten, Limonade, die es in roter, gelber und sogar grüner Farbe mit den verschiedenen Geschmäckern gab. Mitten im August spielten wir ein Weihnachtsstück, das von armen Kindern handelte, die sich beim Holzholen im tiefverschneiten Wald verirrt hatten und nicht mehr heimfanden, bis ihnen das Christkind den Weg zeigte. Der Text war damals schon sechzig Jahre alt und stammte noch aus der Schulzeit meiner Tante, die sich alles gemerkte hatte:

Wir sind verirrt, ich wusst' es gleich
als du vom Wege abgegangen.
Du Tollpatsch, sieh, da stehn wir nun,
wie sollen wir nach Haus gelangen?
Gerade heut befahl der Vater,
recht pünktlich ihm das Holz zu bringen ...

Niemand störte uns. Die Erwachsenen waren mit sich selber beschäftigt und ließen den Kindern viel Freiheit. Nur wenn in der Schule die Noten ganz schlecht ausfielen, bekamen wir ermahnende Worte zu hören, dass wir uns mehr um die Hausaufgaben kümmern sollten. Wenn ich gefragt wurde, was ich später einmal werden wollte, war meine prompte Antwort: "Schauspieler!" Leider wurde nichts daraus, obwohl mir auch heute noch manche Rolle wie auf den Leib geschrieben wäre.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 16.04.2003

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