Träume

Seitdem ich denken kann und ein Gedächtnis besitze, träume ich zuweilen im Schlaf, der manchmal erquickend ist, in letzter Zeit aber immer schlechter und vor allem kürzer wird. Dafür werden meine Träume, die oft nichts anderes als verdrängte oder unterdrückte Gedanken sind, immer verworrener und undurchsichtiger. Während Mutter an meinem Bettstadl "das Bäumelein schüttelte", damit ein "Träumelein" auf mich herabfiel, das mich in eine liebliche Welt entführen sollte, häuften sich später die Träume, von denen ich ganz verstört erwachte, weil sie mich in Angst und Schrecken versetzt hatten. Dennoch konnte ich froh sein , wenn sie nicht Wirklichkeit wurden, da ich sehr abergläubisch bin und den Träumen große Bedeutung beimesse. Bereits in der Volksschule sollten wir über irgend einen "Angsttraum", der uns im Schlaf untergekommen war, einen Aufsatz schreiben. Da aber die Träume am Morgen meistens schon wieder verflogen waren und ich mich nicht mehr richtig entsinnen konnte, erfand ich einfach eine Traumgeschichte, mochte sie dem Lehrer passen oder nicht. So schrieb ich also am 18. September 1953 ins Sechsklassheft folgenden Aufsatz, wohlgemerkt in deutscher Schrift:

"Ich ging an diesem Tage gerade sehr spät ins Bett, da träumten mir lauter gruselige Dinge, bei denen ich immer wieder erwachte. Ein Traum war besonders schrecklich. Ich war in einem großen, finsteren Wald. Da war mir, als ob mich immer jemand verfolgte. Vor Schrecken traute ich mich gar nicht umzusehen. Aber das Gespenst, denn ein solches war es, kam immer näher auf mich zu um mich zu fangen. Als es mich schon greifen konnte, fing ich zu fliegen an und so war ich gerettet. Auf diesen Schreccken hin erwachte ich in Schweiß gebadet. Sofort schrie ich nach meiner Mutter. Als diese kam, erzählte ich ihr meinen Traum. Noch längere Zeit fürchtete ich mich, wenn ich abends ins Bett ging. Ich dachte immer an diesen Traum."

Als ich älter wurde, plagten mich Träume, über die ich mich am Morgen nur noch wundern konnte und die vielleicht mit meinem schlechten Gewissen zusammenhingen, das mich manchmal drückt. Auch heute noch stehe ich im Traum vor Prüfungen, auf die ich mich überhaupt nicht vorbereitet habe, laufe spärlich bekleidet herum, befinde mich an einem gefährlichen Abgerund, von dem ich abzustürzen drohe, lasse mich auf erotische Abenteuer ein oder erlebe sogar meine eigene Beerdigung, ohne mich dagegen wehren zu können. Oft wachse ich über mich hinaus und werde zum wortgewandten Redner, der eine Fremdsprache perfekt beherrscht oder bringe andererseits keinen Ton heraus und werde starr und unbeweglich wenn es gilt, sich zu schützen oder einer drohenden Gefahr zu entrinnen, in der ich mich gerade befinde. Manchmal sehe ich meine verstorbenen Angehörigen im Traum und spreche mit ihnen, oder ich betrete die schöne Kammer im ersten Stock des Adamanwesens, die mit Elfen und Schmetterlingen ausgemalt war und treffe dort nur noch fremde Leute an. Leider bin ich kein so guter Traumdeuter, wie einst Josef in Ägypten, habe mir aber sagen lassen, dass derjenige, der sich im Traum als Toter sieht, bald heiratet. Von einem Pferd zu träumen bringt meistens Ärger. Fallen im Traum die Zähne aus, droht großes Unglück, und eine im Traum geoffenbarte Schrift ist ein Omen für die Zeit und Art des Todes dessen, der sie träumt.

Diese Nacht aber plagte mich ein Traum, wie ich ihn sonst noch nie erlebt habe. Ich betrete den Friedhof und möchte an unser Familiengrab gehen., Zu meinem großen Entsetzen hat sich der Friedhof stark verändert. Auch unser alter, hoher Grabstein aus weißem Marmor, mit seinen vielen Inschriften ist verschwunden. An seiner Stelle befindet sich ein niedriger, unansehnlicher grauer Stein, auf dem Wörter in hebräischer Schirft stehen, die ich nicht lesen kann. Ich renne sofort zum Friedhofswärter, zerre ihn an unser Grab und will von ihm wissen, wo der alte Stein verblieben sei. Er bleibt mir die Antwort allerdings schuldig; denn ich erwache, und es fällt mir ebenfalls ein großer Stein vom Herzen, dass ja alles nur ein Traum gewesen ist. Oder war auf dem geheimnisvollen Grabstein vielleicht doch schon mein Sterbtag vermerkt?

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 03.08.2003

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