Türkische Brautschau

Mit meinen dreißig Jahren wurde es Zeit ans Heiraten zu denken, wenn ich noch eine junge Braut erwischen wollte. Meine Ansprüche aber waren nicht gerade bescheiden. Hübsch sollte sie vor allem sein, treu, kinderliebend und außerdem eine Orientalin, die den Mann als Herrn im Haus respektieren und aus ihm keinen Pantoffelhelden machen würde. Schließlich hatte ich damals schon vor längerer Zeit mein Interesse für den Islam entdeckt und konnte mich sogar als Mekkapilger ausweisen.

Mehr einem glücklichen Zufall war es zu verdanken, dass ich im Fastenmonat Ramadan während eines Gebetes im Keller einer Gastarbeiterunterkunft einen türkischen Studenten kennen lernte, der an der islamischen Fakultät in Ankara studierte und hier auf Besuch weilte. Als wir ins Gespräch kamen und ich ihm auch von meinen Heiratswünschen erzählte, lud er mich in sein Dorf ein, das irgendwo in der anatolischen Hochebene lag, und von der nächst größeren Provinzstadt Kirsehir fünfzig Kilometer entfernt war. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, setzte mich am Heiligen Abend, als die anderen Bescherung feierten, in den Zug nach Istanbul und fuhr bei grimmiger Kälte, viel Schnee und Eis mit dem Bus weiter nach Ankara. Der Student hieß Ömer und hatte keine Sprüche gemacht sondern nahm mich tatsächlich mit in sein Dorf, das zu meinem Erstaunen an einem riesigen Stausee lag, der mir fast so groß wie der Bodensee vorkam. Wie einen Bruder brachte er mich in seinem Elternhaus unter, wo ich die türkische Gastfreundschaft zu schätzen wusste.

Am nächsten Tag gingen wir, frei nach Ludwig Thoma, auf türkische Brautschau - von Hütte zu Hütte. Die meisten Türkinnen trugen ein Kopftuch, das oft nur die Augen frei ließ, und ich konnte nicht erkennen, ob sie schön oder häßlich waren. Nur so viel stand fest, dass keine darunter war, die mir besonders gefallen hätte. Als ich schon wieder heimfahren wollte, erzählte mir der Student von seiner Nichte, der Tochter seines ältesten Bruders, die in der Stadt Yozgat Krankenschwester werden wollte und dort ausgebildet wurde. Noch einmal nahm ich eine Busfahrt von 300 km über verschneite Straßen in Kauf, musste allerdings auf den Ratschlag meines Freundes hin, von einem anderen Studenten eine modernere Kleidung ausleihen und meinen schönen Vollbart, den ich mir als Mekkapilger stehen gelassen hatte, abrasieren; denn schließlich war das Mädchen erst siebzehn Jahre alt und ich sollte und wollte einen guten Eindruck machen. Als wir mit großer Verspätung erst am Abend ankamen und sofort zum Internat eilten, erfuhren wir, dass die Nichte am Blinddarm operiert worden war und zu so später Stunde keine Besuche empfangen könne. Mit etwas Bakschisch hatten wir unsere beschwerliche Fahrt dennoch nicht umsonst gemacht, und ich war von der Anmut des Mädchens, das langsam die Treppe herunterkam, tief beeindruckt. Meinerseits war es Liebe auf den ersten Blick, und ich flüsterte meinem Begeleiter ins Ohr, dass nur sie und keine andere in Frage käme. Zunächst fing ich an, in meinem besten Türkisch mit ihr ein paar belanglose Worte zu wechseln, erfuhr, dass sie Rahime hieß und versuchte meine Gefühle zunächst zu verbergen, um nicht gleich mit der Türe ins Haus zu fallen; dennoch waren wir vom Schicksal füreinander bestimmt. Kurze Zeit später nämlich, als im Dorf das islamische Schlachtopferfest gefeiert wurde, kam sie für ein paar Tage heim, um somit ebenfalls ihre Zuneigung und Bereitschaft zu bekunden. Ihre Eltern, besonders die Mutter, die sich am Anfang furchtbar gesträubt hatten, stimmten endlich einer Heirat zu, und wir feierten in einer anatolischen Lehmhütte, im Schein der Petroleumlampe Verlobung. Der Imam gab uns seinen geistlichen Segen. Verwandte und Nachbarn wurden eingeladen. Zu den Klängen eines Batterie betriebenen Plattenspielers lernte ich die türkische Tanzweise kennen und trank Scherbet, eine türkische Bowle ohne Alkoholgehalt. Fast hätte mein Geld nicht ausgereicht, um die ersten Forderungen meiner Schwiegereltern, die natürlich alle im Interesse ihrer Tochter lagen, zu erfüllen. Kleider, Schuhe, Handtasche, Uhr, drei goldene Armreife und die Verlobungsringe standen auf einer Wunschliste; doch es bereitete mir große Freude, meine Braut glücklich zu machen, die allerdings am Anfang sehr schüchtern war und sich nicht einmal "Du" zu mir sagen traute. Nach der Verlobung fuhr sie wieder ins Internat und ich nach Deutschland zurück. In der Schule musste die Verbindung geheimgehalten werden, um nicht den sofortigen Ausschluss zu riskieren, und ich grübelte auf der Heimreise nach, wie ich meinen mutigen Schritt der hiesigen Verwandtschaft beibringen sollte. Trotzdem gab es im darauffolgenden Sommer eine "anatolische Bauernhochzeit", die drei Tage dauerte und für mich nicht ganz ungefährlich war; denn von den zahlreichen Freudenkugeln, die verschossen wurden, hätte mich leicht eine treffen können, abgefeuert vielleicht von einem fanatischen Kerl oder gar einem Konkurrenten, dem es nicht recht gewesen sein könnte, dass ein Fremder ins Dorf gekommen war, um eine anatolische "Rose" zu pflücken.

In all den Jahren hat die bayerisch-anatolische Verbindung, trotz zahlreicher Stürme, gut gehalten. Unsere Ehe, die von Anfang an auf Toleranz aufgebaut war, wurde nie langweilig und bescherte uns obendrein vier Kinder.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 29.03.2003

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