Un saluto da Udine

Regelmäßig mit den Zugvögeln kamen auch sie im Frühjahr aus Italien zu uns, die Ziegelarbeiter aus der Provinz Udine, die von Mai bis September in Münchens Ziegeleien schwer schufteten. Ihre Arbeit begann je nach Jahreszeit und Witterung schon bei Tagesanbruch zwischen ½ 4 Uhr und 6 Uhr morgens und hörte erst mit Eintritt der Dunkelheit zwischen 6 und 8 Uhr abends auf, wobei die Pausen mit dreimaliger Unterbrechung der Arbeit insgesamt zwei Stunden betrugen. Jeder Freitag war Zahltag. Die italienischen Arbeiter wurden allerdings von dem "Accordunternehmer" in ihrer Heimat gegen festen Monatslohn und Verköstigung für die Dauer der Sommerbetriebszeit in beiderseits unkündbarer Weise angeworben. Sie erhielten ihre Lohnzahlungen je nach ihrem Bedarf vorschussweise, mit endgültiger Abrechnung am Schluss der Arbeitszeit. Die fremden Arbeiter lebten sehr sparsam. Nachts schliefen sie im Stadel auf Strohsäcken, zugedeckt mit leichten Schlafdecken. Sie ernährten sich hauptsächlich von ihrer Polenta, einem Maisgericht, das sie selbst in einem Kessel zubereiteten. In ihrer knapp bemessenen Freizeit saßen sie manchmal am Abend etwas länger in der Ziegeleikantine beisammen. Es wurde musiziert, gescherzt und getanzt. Auch unsere Familie und die Nachbarn setzte sich gerne dazu; wo doch mein Großvater während ihres Aufenthaltes jahrelang tagtäglich mit ihnen zu tun hatte. Er war nämlich beim Professor und Bauunternehmer Albert Schmidt Ziegeleiverwalter in Bogenhausen.

Für ihn und seine Familie waren die Italiener längst keine Fremden mehr. Von ihrer fröhlichen, temperamentvollen Lebensart wusste meine Mutter, damals selbst noch ein Schulmädl, viel zu erzählen. Die Kinder schauten ihnen vieles ab, plapperten italienische Wörter und Sätze nach, die nicht immer ganz astrein waren und erhielten dafür manche Ohrfeige. Kein Wunder, wenn die Mädchen in dieser Umgebung bald wie "der Lump am Steckerl" tanzen konnten, barfuß versteht sich; denn der Großvater war sparsam und die Schuhe durften nur am Sonntag zum Kirchgang getragen werden. Alte Grußpostkarten aus Udine, die mein Großvater aufgehoben hat, weisen darauf hin, dass auch in den Wintermonaten die Verbindung zu einigen Italienern nicht gänzlich abriss. Eine engere Freundschaft bestand beispielsweise zu den Peccoraro Brüdern. Einer von ihnen machte sogar den Firmpaten bei einem jüngeren Bruder meiner Mutter, dem Pauli und unternahm mit dem Buben einen schönen Firmausflug nach Maria Eich.

Mit Ausbruch des 1. Weltkrieges war alles schlagartig zu Ende, kein Ziegelarbeiter kam mehr nach Bayern. Sie wurden an der Front gebraucht. Es mussten wieder mehr als vierzig Jahre vergehen, dass ein neuer Gastarbeiterstrom über die Alpen in unser Land kam.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 15.02.2003

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