Unter dem Schnee

Das schönste Gedicht in unserem 3. / 4. Klass-Lesebuch stand auf der Seite 126 und stammte von einem gewissen Johannes Trojan, ein Dichtername, der mir sonst nicht viel zu sagen hat. Doch immer und immer wieder bat mich damals meine Tante, ich möge ihr doch gerade dieses Gedicht aufsagen; denn sie war von den wenigen Zeilen stets tief beeindruckt. Heute spüre ich mehr denn je, dass von diesem Gedicht eine seltsame Kraft ausgeht, schwankend zwischen Hoffnung und Trauer, jedoch voller Poesie und Lebensweisheit. Es beginnt mit den Worten: "Unter dem Schnee", und der Dichter macht sich so seine Gedanken darüber, wie viel darunter schläft.

Das Korn im Feld ruht unter einer weichen Schneedecke, ebenso wie sich die vielen tausend Knospen darunter verstecken, die alle darauf warten, dass ihre schlafenden Augen von der Lerche geweckt werden, deren Lied aus der Höhe ertönt. Aber auch des Veilchens Blau und der Primel Gold und die Rosen in Fern und Näh werden zart und hold neu erblühen, wenn nur erst einmal der Lenz sein Banner entrollt.

Unter der Schneedecke schläft aber auch, was matt und müde hingebettet ist und nicht der Lerche Lied wird hören können. Wenn ich auf Weihnachten einen kleinen Christbaum auf unser Grab stelle, das unter einer tiefen Schneedecke verborgen liegt, denke ich voller Trost an die beiden letzten Zeilen im Gedicht:

"Geborgen vor Leid und Weh!
Wie viel schläft unter dem Schnee!"

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 07.01.2003

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