Waldeslust

In vielen romantischen Erzählungen, Gedichten, Romanen, Liedern und Lesestücken ist vom deutschen Wald die Rede, und ich erinnere mich noch gut an die Geschichte vom “traurigen Wald” im Zweitklass-Lesebuch, auf Seite 186, die mich als siebenjähriger Bub ganz betroffen machte und an die ich denken muss, wenn heute vom kranken Wald gesprochen wird. Damals aber lasen wir vom samstäglichen Glockengeläut, das bis zu den Bäumen im Wald hinausdrängt und sie vor Freude erzittern lässt; denn morgen ist Sonntag und der Wald will die vielen Menschen, die während der ganzen Woche schwer gearbeitet haben und am Sonntag in großen Scharen die breite Waldstraße bevölkern, mit seinem frischen Grün und seiner herrlichen Luft erfreuen. Während aber die Menschen am Abend frisch und fröhlich heimkehren, stehen die Bäume krank und traurig da. Viele ihrer Zweige und Blätter sind abgerissen und liegen zertreten am Boden. Das alles hatten die Menschen getan.

Auch bis zu unserem Dorf, das trotz seiner Großstadtnähe lange Zeit zwischen Feldern und Wiesen eingebettet war, reichte einstmals der Wald, der, um in der Sprach des Mühlhiasl zu bleiben, inzwischen viele Löcher bekommen hat und immer mehr eines “Bettelmanns Rock” gleicht. Zahlreiche Siedlungen und neue Straßen wurden in unseren Wald hineingebaut, über dem ein Abgasteppich liegt und der vielen nur noch als Müllhalde gilt. Ach, wie war das früher doch ganz anders . Stundenlang spazierte man durch den Wald, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Als Kind schien es allerdings nicht ratsam, allein in den Wald zu gehen; denn man konnte sich regelrecht verlaufen, und es wäre einem so ergangen, wie Hänsel und Gretel, die den Weg nicht mehr heimfanden. Umso schöner war es, mit den Eltern einen Waldausflug zu Fuß oder mit dem Rad zu machen, unter den Bäumen auf weichem Moospolster zu rasten oder sich gar auf Schwammerlsuche zu begeben. Vater zeigte mir den giftigen Fliegenpilz und warnte mich, von den Tollkirschen zu essen, weil ich sonst sterben müsse. Ich wollte das Versteck von Elfen und Zwergen finden und stellte mir vor, die Baumstämme wären alles verzauberte Riesen. Dem Gezwitscher der Vögel und dem Summen der kleinen fliegenden Kreatur in der ansonst so lautlosen Stille zu lauschen, ließ mich selber ein Liedlein, das ich am liebsten sang, anstimmen: “Ich geh’ durch einen grasgrünen Wald und höre die Vögelein singen, sie singen so jung, sie singen so alt ...” Auf unserem Weg durch den Wald kamen wir auch an dem Platz vorbei, wohin Mutter einst mit uns Kindern auf dem Fahrrad vor einem Bombenangriff geflüchtet war und Heidenängste ausgestanden hatte. Ein anderer Pfad führte zu einer Mariengrotte, von der mir meine ältere Schwester Paula später erzählte, dass dort vor dem Krieg auf einer Fläche von acht Tagwerk ein Walderholungs- und Spielplatz mitten im Wald bestanden habe, dessen Bau, zu dem auch eine Baracke von 30 x 7 Meter gehörte, die katholische Elternvereinigung von München veranlasst hatte. Am 26. Juni 1932 konnte der Platz im Beisein von Tausenden von Menschen von Kardinal Faulhaber eingeweiht werden und erhielt den Namen “Kardinal Faulhabe Heim”. Im Krieg wurde die ganze Anlage, bis auf die Mariengrotte zerstört und die Leute holten sich später, außer bis auf die Grundmauern alles, was nicht niet- und nagelfest war, getrauten sich aus Ehrfurcht allerdings nicht, die Grotte anzurühren, die heute noch als Mahnmal für den Frieden wie ein Heiligtum verehrt wird und an der man an jedem 13. eines Monats den Rosenkranz betet. Lange Zeit noch kam die katholische Jugend von Trudering, bei der meine Schwester Gruppenführerin war, dorthin, um auf dem freien Gelände, das heute wieder zugewachsen ist, Völkerball zu spielen.

Bis vor vierzig Jahren war mein Onkel selbst stolzer Besitzer eines ansehnlichen Bauernwaldes, und nichts bereitete ihm mehr Freude, als an den Sonntagnachmittagen hinauszuradeln und die Bäume in seinem Wald einzeln zu umarmen, um deren Umfang zu ermessen und zu genießen. Meine Kinderarme reichten natürlich nicht aus, und ich versteckte mich lieber hinter den dicken Stämmen und jagte meinem Onkel einen Schrecken ein, da er glaubte, ich wäre verloren gegangen. Vor Weihnachten aber machte er die kleineren Fichten unansehnlich und ungeeignet, brach dieses Ästchen und jenes Zweiglein ab, um die Leute vor dem Christbaumstehlen abzuhalten Kummer bereitet ihm, dass das Sägewerk seine Stämme nicht gerne annahm, da zu befürchten war, im Holz könnten vom Krieg her noch Eisensplitter stecken, welche die Sägeblätter ruiniert hätten. Heute gehört der Wald der evangelischen Kirche. Mit ihrem Versprechen, darauf ein Altersheim zu errichten, das seinen Namen tragen würde, hatten sie es geschafft, meinen Onkel einen Tag vor seinem Ableben zu überreden, ihr den Besitz zu vermachen. Aus dem Altersheim ist natürlich niemals etwas geworden.

Diesen Wald zu pflegen ist allerdings auch nicht leicht. Bäume, die vom Borkenkäfer befallen sind, müssen umgesägt und fachmännisch entfernt werden. Windbrüche gehören verarbeitet und bei den niedrigen Holzpreisen lohnt sich oft der große Aufwand nicht.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 27.06.2003

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