Was bleibt, ist die Erinnerung

Oft und gerne erinnere ich mich an meine Tante Marie. Als Bub war ich ein eifriger Zuhörer ihrer Lebensgeschichte, die sie mir bei ihrer Arbeit im Stall oder auf dem Feld immer wieder erzählte. Sie war und blieb eine Magd ihr Lebtag, obwohl sie von einem kleinen Bauerngütl aus Kirchtrudering stammte. Wenn ich mir so ihre Photographie von früher betrachte, stelle ich fest, dass sie in ihrer Jugendzeit, vor nahezu hundert Jahren, ein blitzsauberes Dirndl gewesen sein muss. Sie hatte nur zwei Nachteile zur damaligen Zeit, sie war etwas g’schamig und evangelisch. Vielleicht war das auch einer der Gründe, warum sie als alte Jungfer gestorben und nicht zum Heiraten gekommen ist. Es waren ihrer fünf Kinder auf dem Gütl, mit den Eltern und einer alten Tant’ waren sie zusammen acht. Soviel Leut’ konnte das kleine Anwesen nicht ernähren. Deshalb wurde beschlossen, dass man für das Marei einen Dienstplatz ausfindig machen wollte. Sie, die im Flachland aufgewachsen war, kam 1908 als Bauernmagd zum Herrn Brauereibesitzer und Ökonom Gloßner auf den Deublerhof in Tegernsee, einem stattlichen Gehöft, hoch überm See gelegen. Zweiundzwanzig Jahre blieb sie dort im Dienst als Haus- und Stallmagd. Zahlreiche Postkarten und Briefe vom schönen Tegernsee schrieb sie nach Hause oder direkt an ihre drei Brüder ins Feld, die im 1. Weltkrieg in Frankreich an der Front standen. Zwei-, dreimal im Jahr fuhr sie heim, damals noch eine beschwerliche Tagreise und erzählte von ihrem Leben auf dem Deublerhof, ihrer Arbeit, von ihrer Herrschaft und wie gut sie es dort getroffen hatte. Tegernsee wurde zu ihrer zweiten Heimat. Zu besonderen Anlässen zog auch sie die Festtracht an und konnte sich gut darin sehen lassen. Trotzdem blieb sie einschichtig und die Jahre vergingen. Es fiel ihr nicht leicht, nach dem Tod ihres Vaters wieder als Magd auf das elterliche Anwesen, wo sie gebraucht wurde, heimzukehren. Das Leben am Tegernsee hatte sie geprägt und immer wieder ergriff sie das Heimweh nach den Bergen, dem See und den Leuten dort. Bis zu ihrem Lebensabend hielt sie ihre Tegernseer Tracht in Ehren. Manchmal strich sie mit ihren rauen, zerschundenen Arbeitshänden behutsam über den Stoff und hatte so ihre Gedanken dabei. Vielleicht ist das Marei heute dort, von wo auch der “Brandner Kaspar” nicht mehr wegwollte, wo sie alle beieinander sind, der ganze “Tegernsee im Himmel”.

Hans Lehrer