Weihnacht der Tiere

Es mag schon etliche hundert Jahre her sein, dass sich in unseren heimatlichen Bergen auf einem einsam gelegenen Gehöft eine gar seltsame Geschichte zugetragen hat, die es wert ist, den nachfolgenden Generationen weiter erzählt zu werden. In der Nacht, wo die Geburt unseres Herrn und Heilandes gefeiert wird, waren sie alle mit ihren Kienfackeln unterwegs zur Mette. Nur der kleine Girgl blieb wegen des hohen Schnees mit dem alten Knecht allein daheim. Fortwährend musste der Bub darüber nachdenken, was sich die Leute dieser Tage erzählten, dass nämlich in der Weihnacht alle Tiere Verstand und Sprache bekommen und miteinander geheimnisvoll reden.

Die Neugier ließ den Buben nicht schlafen. Er schlich sich in den Stall hinaus und kauerte still in einer Ecke, um dem Vieh zuzulusen. Tenne, Scheune und Stallung schienen sich in eine große Stube zu verwandeln. überall wimmelte es von Tieren. Außer den eigenen hatten sich auch viele fremde Tiere eingefunden, die alle friedlich aus- und eingingen. Sichtlich erschrocken wollte das Kind schon wieder zurücklaufen, beruhigte sich aber, als es seinen kleinen Hund mit einem Waldhasen fröhlich spielen sah. Auch ein paar unschuldige Rehe, die ihm vertraut schienen, sah er umhergehen, gefolgt von einem Hirsch mit seiner Hirschin. Tauben, Schneehühner, Spechte und Raben, eine große Schar Singvögel, kurzum, die ganze Nachbarschaft der Tiere schien beieinander zu sein. Aus dem seltsamen Gesumme jedoch wurde plötzlich eine deutlich vernehmbare Klage der Kreatur. Das Reh begann mit seinen großen , treuherzigen Augen als erstes zu reden: "Während sich der Mensch in der heiligen Nacht freut, wohl wissend, dass ihn durch die Geburt des Erlösers das ewige Leben erwartet, machen wir uns arme Tiere Gedanken darü ber, was aus uns einst wird. Sollen wir, die wir auch ein klopfendes Herz besitzen, später nichts mehr sein, rein gar nichts? Nach tausend Schrecken und qualvollen Todeszuckungen bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als zu verwesen und mit unserem Schweiß und Gebein den Boden zu düngen. Können wir etwas dafür, wenn unser Herz ärmer und unser Hirn öde ist? Dennoch haben wir ein Leben, wenn uns auch das letzte, der Geist, aus dem Munde Gottes fehlt. Für uns gibt es kaum ein gefühlvolles Herz, keinen Trost im Leben und im Tod, keinen Vater im Himmel. Für die Menschen sind wir doch bloß Spielwerk oder eine willkommene Abwechslung auf ihrem Speisezettel."

Nun begannen die Vögel, die lebendigen Blumen der Lüfte, ihr trauriges Lied, deutlich vernehmbar, anzustimmen. Obwohl sie mit den Engeln um die Wette singen, haben sie keine Zukunft, kein himmlischer Wald grünt im Jenseits. Sie haben ihr Paradies durch die ersten Menschen verloren, und wer sagt, dass sie ein zweites finden? Bis vor die Tore des Himmels fliegen sie, ahnen die Seligkeit der überirdischen Welt, doch für sie ist die Pforte verschlossen, einzig Moder und Staub erwarten sie.

Was wird aus all den Tieren, die sich für die Menschen plagen und zuletzt durch eine Kugel oder das Messer den Tod erleiden? "Wir möchten doch nur, dass die Menschen, denen wir zum Opfer fallen, sei es im Wasser , in den Lüften oder auf dem Erdboden, mehr Mitleid mit uns armen Geschöpfen empfinden.

Zutiefst betroffen verließ der Bub sein Versteck und schlich sich ins Bett zurück. Das Gehörte aber bewirkte, dass er Zeit seines Lebens Mitleid mit den armen Viecherln verspürte. Kein Bissen Fleisch wollte ihm mehr so recht schmecken. Er begann das Leben eines jeden einzelnen Tieres, ob groß oder winzig klein, zu achten und zu schützen.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 10.01.2003

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