Eine Weihnachtsgeschichte

Um die Weihnachtszeit herum schaue ich gern in mein altes Lesebuch hinein, in dem auch die Geschichte von dem Buben steht, der die “Christtagsfreude holen ging”. In dieser Erzählung beschreibt der Heimatdichter Peter Rosegger eine ganz besondere Art von Freude, die, wie einst in Bethlehem, nur aus der Armut heraus erwachsen kann.

Am Frühmorgen des heiligen Christabends schickt der Vater, ein Waldbauer von Alpel, den zwölfjährigen Peter mit einem leeren Sack, einem Stecken und einer Laterne über tiefverschneite Pfade und Stege hinab nach Langenwang, wo er vom Holzhändler Spreitzegger das Geld verlangen soll, das dieser seinem Vater noch schuldet. Zwei Gulden und sechsunddreißig Kreuzer sind es, mit denen er dann beim Kaufmann Doppelreiter für das Christtagsessen zwei Maßel Semmelmehl, zwei Pfund Rindschmalz und um zwei Groschen Salz einkaufen soll. Die Mutter braucht aber auch noch Germ um einen Groschen, Weinbeerln um fünf Kreuzer, Zucker um fünf Groschen, Safran um zwei Groschen und Neugewürz um zwei Kreuzer sowie etliche Semmeln, von denen der Bub unterwegs eine essen darf, weil er vor Abend nicht heimkommt.

Um fünf Uhr macht er sich bereits auf den Weg, um die Achte-Messe in Langenwang noch zu erreichen. Nach einer langen, beschwerlichen Wanderung kommt er endlich ins Tal zur Landstraße, wo die Leute, die Zeit haben, schon der Kirche zustreben; denn der Heilige Abend ist voller Vorahnung und Gottesweihe. Für den erkrankten Mesnerbuben darf er den Blasebalg der Orgel ziehen und die Tochter des Schullehrers singt: “Tauet Himmel den Gerechten ... “ Nach dem Gottesdienst aber kniet er noch vor einem Heiligenbild, um für seine bevorstehende Aufgabe Glück und Segen zu erbitten.

Gar nicht so leicht, vom Holzhändler Spreitzegger das Geld zu bekommen, der ihm durch die Hintertür entwischen will und ihn schließlich mit einem Gulden abspeist. Damit geht der Bub schnurstracks zum Kaufmann Doppelreiter, um alles so einzukaufen, wie ihm angeschafft worden ist. Der Kaufmann richtet die Päckchen und Tüten her, bindet sie mit Spagat zu einem einzigen Paket zusammen, hängt es an den Mehlsack und macht zwei Bündel, die der Waldbauernbub vorn und hinten über der Achsel tragen kann. Da das Geld nicht reicht, muss er den Rest schuldig bleiben, den der Vater auf Ostern bezahlen wird. Von der gönnerhaften Frau Doppelreiterin bekommt er sogar noch zwei bare Groschen geliehen, um dafür beim Bäcker die fünf Semmeln zu kaufen und erhält außerdem von ihr eine Hand voll gedörrter Zwetschgen für “unterwegs zum Naschen!” Reich und schwer bepackt begibt er sich auf den Heimweg. Er denkt nicht nur an das Essen, an das geschlachtete Schwein daheim, an all die Krapfen und Zuckernudeln, sondern an das Christkind und auch daran, dass er aus der Bibel vorlesen wird, wenn er nach Hause kommt.

Eine Weihnachtsgeschichte Die Muter und die Magd Mirzel werden Weihnachtslieder singen, bis sie sich dann gegen zehn Uhr nach St. Kathrein zur Christmette auf den Weg machen, wo am Seitenaltar das Kripperl aufgerichtet ist mit Ochs und Esel und den Hirten und auf dem Berg die Stadt Bethlehem. Als es mittlerweilen Mittag wird, gönnt er sich eine Semmel, die er bedächtig und gemächlich genießt. Er hat nichts dagegen, dass ihm der grüne Kilian, ein früherer Forstgehilfe, den er später auf dem Weg trifft, sein Bündel mit den Christtagssachen im Buckelkorb eine Zeitlang mitträgt, damit er sich ausrasten könne. Doch er kommt kaum nach. Immer größer wird der Abstand zwischen beiden und schon bereut es der Bub, ihm sein kostbares Gut anvertraut zu haben. Vielleicht will der grüne Kilian die Sachen gar nicht mehr hergeben, befürchtet er jetzt plötzlich und versucht ihn einzuholen. Er will sie nicht im Stich lassen, auch nicht, wenn er ihm bis zu seiner Hütte nachlaufen müsste, die drüben in der Fischbacher Gegend liegt. Ein Schlittengespann holt den Buben ein. Es ist der Grabler Hansel, ein Kohlenführer, den er bittet, seine Sachen aus dem Korb zu nehmen und auf den Schlitten zu legen. Er setzt sich zu ihm auf das Gefährt und hält mit beiden Händen sorgfältig die Sachen für den Christtag. Als er mit seiner Last endlich den steilen Berg hinaufsteigt, gegen das Vaterhaus, beginnt es zu dämmern und zu schneien. Daheim wird er gelobt und die Mutter zieht ihm die gefrorenen Schuhe von den Füßen. Während des Essens fallen ihm die Augen zu, und er erwacht erst wieder, als die Morgensonne des Christtags ins kleine Fenster hereinscheint, wo er wohl ausgeschlafen im warmen Bett liegt.

Hans Lehrer