Winterfreud' und Winterleid

Während es den alten Leuten vor dem langen und kalten Winter meistens graute, konnten wir Kinder den ersten Schnee kaum erwarten. "Herr Lehrer, es schneit!" tönte es vielstimmig im Klassenzimmer, wenn die ersten Schneeflocken die Fensterscheiben sanft berührten. In der Singstunde lernten wir das Lied: "Der Winter ist ein rechter Mann" und hofften nur, dass er zumindest bis Weihnachten "kernfest und auf die Dauer" sein möge. Obwohl es im Winter an warmer Kleidung und ausreichendem Brennstoffvorrat immer wieder fehlte und wir in den nassen Schuhen und im dünnen Gewand oft jämmerlich froren, machte uns das trotzdem nicht viel aus. Hauptsache, wir konnten eine zünftige Schneeballschlacht veranstalten, den ersten Schneemann oder gar eine Schneeburg bauen und mit dem Rodelschlitten die steilen Hänge der Lenzgrube hinabsausen. "Aus der Boh - Zitronamo, wer net richti schliinfahrn ko", riefen wir lautstark und versuchten, ohne Umzuschmeissen unten heil anzukommen. Wer schon Schlittschuhe zum Anschrauben besaß, sogenannte Stöckel- oder Absatzreißer und dazu die nötigen Schuhe mit einer festen Ledersohle hatte, war den anderen weit überlegen. Mit acht Jahren bekam ich vom Christkindl, in einer Zeit, wo Vater in der Woche nur 36 Mark Krankengeld erhielt und der ältere Bruder arbeitslos war, die ersten Schi. Sie stammten eigentlich von meiner großen Schwester ,die sich das Geld dafür vom Mund abgespart hatte, um mir eine Freude zu machen. Sie war auch meine erste Schilehrerin, legte jedes Mal ihre Heimarbeit hin und stellte mich wieder auf die Schi, wenn ich am Sandhaufen vor unserem Haus hinfiel und nicht mehr von selbst hochkam.

In der dritten und vierten Klasse musste ich immer am Monatsanfang auf der Sparkasse das Gehalt unseres Herrn Lehrer Kastl holen, weil ich den Weg am besten kannte. Als es einmal besonders kalt war und überall viel Schnee lag, lieh mir der Aschauer Peter, ein Klassenkamerad, seine dicken unförmigen Fäustlinge, mit denen ich den Geldumschlag schlecht halten konnte. Er fiel zu Boden, ohne dass ich es bemerkt hatte. Nur der Aufmerksamkeit und der Ehrlichkeit einer alten Frau war es zu verdanken, das ich nicht ohne das Geld zurückkam. Nicht auszudenken was passiert wäre, wenn ich es damals verloren hätte.

Wie das "Büblein auf dem Eis" probierten wir kleinen Lausbuben vorsichtig, ob die Eisschicht auf der Odellacke neben dem Misthafen beim Pfefferpeter schon standhielt. Ein Schups von hinten genügte und ich steckte bis zur Brust in der eiskalten, stinkenden Brühe.Selbst entsetzt über diesen dummen Streich, ließen mich die bösen Buben dennoch nicht im Stich sondern zogen mich anschließend wieder heraus. Weinend lief ich heim, wo das Entsetzen der Mutter so groß war, dass sie mich nicht einmal bestrafte, sondern eher bedauerte. Erst befreite sie mich von den übel riechenden Kleidern, die am Körper klebten, dann setzte sie mich in ein "Wanndl" in der Küche, wo sie mich in einer Seifenlauge fest abschrubbte. Damals gab es noch keine Waschmaschine und der Dreck musste mühselig herausgewaschen werden.

Irgendwann hatten auch wir Kinder vom Winter genug. Wir sehnten den Frühling herbei und freuten uns schon auf das Barfußlaufen im Sommer. Die vier Jahreszeiten aber brachten viel Abwechslung in unsere Kindheit und zurückblickend stelle ich immer wieder dankbar fest: "Gott hat alles recht gemacht."

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 12.01.2003

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