Wintervorbereitungen

Bereits im Sommer fingen meine Eltern damit an, sich für den nächsten Winter einzudecken; denn mit dem Überfluss, der in den Sommermonaten überall herrschte, war es im Winter, bei Eis und Schnee vorbei. Bis der erste Frost kam, musste alles unter Dach und Fach sein. Der Garten wurde abgeräumt und das mehr oder weniger haltbare Gemüse und Obst im Keller verstaut, wo auch bereits etliche Zentner Kartoffel auf dem gestampften Ziegelboden lagerten und in den Regalen die eingeweckten Gläser alle fein säuberlich beschriftet, standen. In einem Kübel befanden sich die in Kalk eingelegten Eier. Mit dem knappen Brennvorrat durch den ganzen Winter zu kommen, war nicht leicht; denn auch nach dem Krieg gingen Holz und Kohlen noch rar her, und man konnte von Glück sagen, wenn man ein paar Zentner Nüsschen oder Brikett zusätzlich irgendwo ergatterte. Fein heraus war da unser Nachbar, der sich im Sommer für wenig Geld das Sägemehl sackweise mit dem Fahrradanhänger aus dem Sägewerk holte, um es im Winter in einem besonderen Ofen, der eigens für diesen Zweck gemacht worden war, zu verbrennen, wobei eine Prügelhitze verbreitet wurde, die bis spät in die Nacht hinein anhielt. Für uns kam ein solcher Ofen leider nicht in Frage, weil Mutter Angst hatte, er könnte einmal explodieren.

Damals gab es im Januar noch keine Erdbeeren aus Israel oder Gurken aus Neuseeland. Höchsten selbstgemachtes Sauerkraut, das die Eltern mit einem Krauthobel einhobelten, jede Lage einsalzten und das von uns Kindern eingetreten wurde, nachdem Mutter die Füße, die vom Barfußlaufen Spuren aufwiesen, mit Kernseife und Wurzelbürste bearbeitet hatte. Im Herbst wurden auch die Hollerträuperl abgebirlt, gekocht und in Bierflaschen eingeweckt. Mutter zerschnitt die teilweise noch grünen, ungeschälten Äpfel in Stücke und machte daraus ein schmackhaftes Gelee. Aber auch Sellerie, Wirsing, Krautköpfe, Zwiebeln und Rahnen kamen in den Vorratskeller, wobei von den Endivienstauden die äußeren Blätter bald schon unansehnlich wurden, zu faulen anfingen und abgezupft werden mussten.

Der Pumpbrunnen, der im Garten stand, und von dem wir auch im Winter unser Wasser hatten, musste gut eingemacht werden, damit er nicht einfror. Der Hühnerstall, ein einfacher Schuppen, wurde abgedichtet, dass der Wind nicht durch die Spalten pfeifen konnte. Vater zog eine zweite Holzwand ein und füllte die Hohlräume mit Sägemehl auf, um die Hühner vor grimmiger Kälte zu schützen, damit sie sich ihre Kämme nicht erfroren. Für die beiden Geißen, der Lisl und der Gretl wurde ein Vorrat an Heu und Runkelrüben angelegt. Unsere drei Gansl und fünf Enten, die Mutter seit dem Frühjahr aufgezogen hatte, und prächtig gediehen waren, wurden im Winter bis in den Frühling hinein zu festlichen Anlässen oder an hohen Feiertagen nacheinander geschlachtet. Andererseits schrieb Mutter am 24. März 1951 folgenden Vermerk in ihr Notizheft: "Heute Karsamstag - Geld sehr knapp - haben nicht mal Geräuchertes." Kopfzerbrechen bereitete ihr auch, wo sie meine Wintersachen, aus denen ich wieder einmal herausgewachsen war, herbekommen sollte. Im Gegensatz zum Sommer, wo ich nur die kurze Lederhose auf dem Leib trug und barfuß gelaufen bin, brauchte ich jetzt eine lange Unterhose, die ich unter die Trainingshose anzog, Fäustlinge, eine warme Mütze, einen dicken Pullover und vor allem feste Schuhe. "Woher nehmen, wenn nicht stehlen?" seufzte Mutter manchmal und ließ mich die abgetragenen Sachen meines Bruders anprobieren, die mir noch viel zu groß waren, weil er neun Jahre älter war als ich. Wenn aber im Winter der Schnee durch die feinen Ritzen der Dachplatten geweht wurde, weil im Sommer das Geld gefehlt hatte, die Dachschrägen mit Heraklitplatten zu verkleiden und mein Bruder, der im Mansardenstüberl schlief, über der Zudecke plötzlich eine Schneedecke verspürte, rückten die Eltern im Schlafzimmer, wo auch mein Bettstadl schon stand, noch enger zusammen und zwängten das Bett meines Bruders zwischen Kleiderkasten und Waschtischkommode, so dass wir zu viert Platz hatten.

So lernte ich in meiner Kindheit schon das Armeleutleben kenne, das mich nicht traurig machte, weil die meisten von uns damals nichts hatten und wir auch nichts anderes oder besseres kannten. Ich bin dem Herrgott sogar dankbar dafür; denn Zufriedenheit entsteht nur aus einer überwundenen Armut.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 15.01.2003

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