"Wir sind jung, die Welt ist offen ..."

Wenn am 14. Juli in Frankreich der “Ausbruch” der Französischen Revolution gefeiert wurde und sich der Sterbetag meines Großvaters jährte, begann in der Schule der “Aufbruch” in die großen Ferien. Der Schulranzen wurde in die hinterste Ecke geschmissen, wo er dieses Mal für immer liegen bleiben sollte; denn am Ende der 8. Klasse verließen wir die Volksschule endgültig und für immer.

So ein Anlass musste natürlich gebührend gefeiert werden, da ein wichtiger Abschnitt in unserem Leben seinem Ende zuging. Als unser Lehrer ausgerechnet auf mich kam, im Namen der Schüler eine Abschlussrede zu halten, war ich überrascht und fühlte mich geehrt. Freilich wollte ich mir das nicht gleich anmerken lassen, lehnte seine Bitte zunächst bescheiden ab und schlug ihm stattdessen vor, es doch mit einem seiner "Lieblinge" zu probieren, die es sicher besser könnten. Damit forderte ich nur noch mehr seine Hartnäckigkeit heraus, und wir wurden uns schließlich handelseins. Kopfzerbrechen bereitete mir allerdings seine Ermahnung, zu dieser Feierstunde nicht in kurzer Hose zu erscheinen. Damit hatte ich ein Problem; denn ich besaß überhaupt keine lange Hose und einen Anzug schon erst recht nicht. Den wollte mir Mutter erst im Sommerschlussverkauf preisgünstig aussuchen, damit ich als Lehrling sauber daherkam. Schließlich fand meine Schwester einen Ausweg, indem sie Ärmel und Hosenbeine von Vaters “Kombination” nach innen umstülpte und mit ein paar Stichen anheftete. Ein weißes Hemd des Bruders, Großvaters Krawatte mit Windsorknoten und die schwarzen Halbschuhe der Tante, die ihr zu groß waren, machten aus mir fast schon ein "gestandenes Mannsbild", das sich sehen lassen konnte.

Zu Beginn der Abschlussfeier sangen wir gemeinsam das Lied “Wir sind jung, die Welt ist offen ... . “, und wer genau hinhörte merkte schon, dass ein paar von uns bereits im Stimmbruch waren. Nach den gutgemeinten Ratschlägen des Rektors, über dessen schnarrende Stimme wir uns oft lustig gemacht hatten, durfte ich mit meiner Ansprache, deren Wortlaut ich auch nach fünfzig Jahren noch weiß, nach vorne treten, begrüßte die geistlichen Herren und die werte Lehrerschaft, hieß Eltern und Schulkameraden herzlich willkommen, sprach davon, dass ich zur "Schulentlassung am heutigen Tage", einige Worte an alle richten wolle und fuhr dann in meiner Rede fort: "Der Tag ist gekommen, an dem wir der Schule ledig werden, an dem wir hinausgehen in das Leben. Viele Buben und Mädel werden den Tag mit Freude erwartet haben, nun können wir endlich der Schule den Rücken kehren, manche allerdings mit geheimer Furcht vor dem Zeugnis. Nun ist die Volksschulzeit zu Ende. Aber nach den Ferien geht es weiter in die Lehrzeit, in den Beruf. Und dort wollen die Meister und Lehrherrn das Zeugnis sehen, das ihnen berichtet, ob ihr neuer Lehrling in der Schule fleißig gewesen und etwas gelernt hat. Ist dies der Fall, dann kommt er weit und überall wird man ihn gerne aufnehmen ... ."

Abschließend bedankte ich mich bei allen Lehrern für ihre Bemühungen aus uns anständige Menschen machen zu wollen und wünschte ihnen anstandshalber bessere Schüler als wir es waren. Nach der Zeugnisverteilung traten wir hinaus ins Leben, dessen Ernst nun wirklich begann und sagten der Kindheit Lebewohl.

Hans Lehrer