Ist das Zigeunerleben "lustig"?

Obwohl ich sehr viel für Völkerverständigung übrig habe, kann ich mit den Zigeunern trotzdem nicht viel anfangen. Auch wenn sie in Opern, Operetten und zahlreichen Liedern romantisiert wurden und dadurch eine gewisse Volkstümlichkeit erreichten, bleiben sie mir fremd und undurchsichtig. Allerdings muss ich gestehen, dass ich noch nie eine direkte Verbindung zu diesen Menschen hatte und meine Vorurteile vielmehr aus Geschichten und Erzählungen herrühren. Heute unterscheidet man zwischen Sinti und Roma, und ich finde es völlig richtig, dass dieses Volk, das im Dritten Reich viel Schlimmes erlebt hat, nicht mehr durch die ursprüngliche Bezeichnung, die auch ein Schimpfwort darstellt, weiterhin diskriminiert wird.

Zigeuner hatten nie und nirgends einen guten Ruf. Bereits in den Kinderbüchern wurden diese dunkelhäutigen, wild dreinblickenden Gestalten als ein nicht sesshaftes, schmutziges und verstohlenes Gesindel verschrieen. Wo sie auftauchten, verriegelte man Fenster und Türen und jagte sie weiter. Man hatte Angst vor ihren Flüchen und Drohungen und traute ihnen nicht über den Weg. In ihren großen Kirmen verschwand so manches Diebesgut, und ich glaube nicht, dass ihr Leben so "lustig" war, wie es in einem alten Volkslied heißt. Viele Wanderer, die unterwegs waren, mieden lieber den "grünen Wald", wo sie den "Aufenthalt" der Zigeuner vermuteten.

Mit solchen Vorstellungen wuchs ich auf, und überall wo ich Zigeuner sah, bekam ich es mit der Angst zu tun; hatte mir Vater doch oft genug damit gedroht, eines Tages von den Zigeunern gestohlen zu werden, wenn ich abends nicht gleich heimgehen würde? Immer wieder erzählte Mutter die Geschichte, die sich in den zwanziger Jahren bei ihnen daheim zugetragen hatte. Alle auf dem Hof waren beim Heugnen draußen auf dem Feld, als eine Schar Zigeuner durch den Ort zog. Über den Heuboden drangen sie in das Wohngebäude ein, brachen die verschlossene Tischschublade in der vorderen Stube auf und stahlen das ganze Geld. Einer der Zigeunerbuben, der sich vermutlich beim Aufbrechen am Finger verletzt hatte, ließ sich ein paar Häuser weiter, ausgerechnet von meiner Tante, die ja nicht ahnen konnte, dass der Kerl den Hosensack voll mit gestohlenem Geld hatte, sogar noch verbinden. Der Verdruss war groß, als Großvater mit seinen Leuten heimkam und den Schaden entdeckte. Mutters fünfzig Markschein, den sie im Gebetbuch aufbewahrt hatte und der den Dieben nicht in die Hände gefallen war, half fürs Erste, den großen Schaden zu überbrücken. So ein schlimmes Erlebnis bleibt im Gedächtnis ein Leben lang haften, wird weitererzählt und erklärt schließlich die ablehnende Haltung, unter der auch die ehrlichen Zigeuner, falls es sie überhaupt gibt, zu leiden haben.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 28.06.2003

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