Zweimal Weihnachten

Bis zum Heiligen Abend war es nicht mehr lange hin. Im Adventskalender hatte ich bereits das 17. Fenster aufgemacht, hinter dem so ein Teddybär abgebildet war, wie er auch auf meinem Wunschzettel an das Christkind stand. Frau Leberle, die ein paar Häuser weiter einen Geschirr- und Haushaltswarenladen betrieb, hatte die Auslage, an deren Scheibe wir unsere Nasen plattdrückten, bereits mit Christbaumschmuck dekoriert. Beim Foto Schmid, auf der anderen Straßenseite, stellten sie zwischen die vielen Hochzeitsbilder, Kommunionaufnahmen und Fotos für die Kennkarten, jedes Jahr einen Nikolaus ins Schaufenster, der auch über den 6. Dezember hinaus freundlich auf die Kinder herunterschaute. Im Obstgeschäft der Hagl Marianne duftete es nach Orangen und Mandarinen, Feigen und Datteln, Nüssen und Äpfeln, und im oberen Regal standen die schönsten Zwetschgenmandl. Daheim aber hatte Mutter mit der Weihnachtsbä ckerei begonnen und war jedes Mal ganz unglücklich, wenn sie wieder ein Blech mit verbrannten Plätzchen aus dem Ofenrohr zog. Ich durfte ihr beim Teigrühren helfen und wurde geschimpft, wenn ich den Finger gar zu oft eintauchte und den leckeren Teig genüsslich abschleckte. Mutter legte ein paar Maroni auf die heiße Herdplatte, und ich schaute dem Bratapfel zu, wie er plötzlich zu zittern und zu seufzen anfing, als wäre es ihm zu heiß auf dem Ofen.

Jeden Tag eilte ich zum Christbaumstand am Schmuckerweg, suchte mir insgeheim ein Bäumchen aus, das ich mir vom Christkind wünschte und dachte dabei an jenes Weihnachtsmärchen von Andersen, in dem die Geschichte eines Tannenbaums erzählt wird, der es gar nicht mehr erwarten konnte, den "strahlenden Weg" zu gehen, um mitten in die warme Stube hinein gepflanzt und mit den herrlichsten Sachen, mit vergoldeten Äpfeln, Honigkuchen, Spielzeug und vielen hundert Lichtern ausgeschmückt zu werden. Seine Sehnsucht war grenzenlos, bis er eines Tages zur Weihnachtszeit tatsächlich gefällt wurde, um seine frische Jugend draußen im Freien gegen noch etwas Besseres und Schöneres einzutauschen. Doch wie schnell verflogen Pracht und Herrlichkeit!

Am zweiten Weihnachtsfeiertag lief ich noch einmal zum Verkaufsstand mit den Christbäumen, wo der Händler gerade den Platz aufräumte und die restlichen Zweiglein, die überall herumlagen, zusammenkehrte. Einsam und verlassen lehnte in der Ecke ein Bäumchen, das scheinbar keinen Käufer mehr gefunden hatte und auch vom Christkind übersehen worden war. Umso überraschter war ich, als mir der freundliche Mann dieses Bäumchen, ohne dabei viele Worte zu verlieren, einfach schenkte und mir sogar half, es auf den Schlitten zu binden. Ein zweites Mal Weihnachten feiern, so kurz hintereinander, war doch eine glänzende Idee, wobei ich Mutter erst überreden musste, das Bäumchen ebenfalls in der Wohnung aufstellen zu dürfen. Vater schnitzte mir einen Christbaumstä nder zurecht und steckte den Baum hinein, den ich sofort mit übriggebliebenem Lametta zu schmücken begann und mit kleinen rotbackigen Äpfeln behängte. Aus den Silberpapierln von Vaters Zigarettenschachteln schnitt ich mit der Schere kunstvolle Sterne aus und pinselte die Walnüsse, in die ich kleine Nägel gebohrt hatte und an einem Bindfaden aufhing, mit Silberbronze, die vom Streichen des Ofenrohrs übriggeblieben war, an. Mutters ausgestochene Plätzchen vervollständigten den leckeren Baumschmuck, nachdem ich vorher noch die vier halb abgebrannten roten Kerzen, die vom Adventskranz übriggeblieben waren, an den Ästen befestigt hatte. Auch wenn eine zweite Bescherung verständlicherweise ausfiel, zündete ich dennoch die Kerzen an und sang Weihnachtslieder vor "meinem" Christbaum, der mir fast besser gefiel als der andere, den ich zwei Tage zuvor vom Christkind bekommen hatte.

Hans Lehrer


Hans Lehrer · 18.01.2003

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