Weltkrieg 1914/15...18

Heuer ist es neunzig Jahre her, dass der erste Weltkrieg mit seinen unzähligen furchtbaren Materialschlachten zu Lande, auf dem Wasser und in der Luft, ausbrach. Für damalige Begriffe wurde modernste Technik eingesetzt und eine völlig neue Art der Kriegsführung entwickelt. Siegesgewiss und zuversichtlich zogen die jungen Männer, erfüllt von Patriotismus, in diesen Krieg und waren enttäuscht, dass sie Weihnachten 1914 nicht schon wieder zu Hause sein konnten. Aus dem Krieg 1914/15 wurde der Weltkrieg 1914/18. Angst und Schrecken, furchtbares Leid und Elend griffen immer mehr um sich. Angesichts der deutsch-französischen Aussöhnung, fünfzig Jahre später, die viele Kriegsteilnehmer nicht mehr miterleben konnten, wird die Sinnlosigkeit zweier Weltkriege besonders deutlich ins Bewusstsein gerückt, oder mussten diese Frankreichfeldzüge tatsächlich erst stattfinden, dass Ernüchterung und Reuegefühle auf beiden Seiten den Versöhnungsgedanken letztendlich reifen ließen.

Mein Vater war ein 95er Jahrgang und wurde zu den "Leibern" eingezogen, dem Leibregiment des Königs. Er diente als Infanterist im 2. bayerischen Infanterieregiment in der 3. Kompanie. Unter seiner Feldpost befindet sich auch ein Notizbuch mit Eintragungen über seine Kriegserlebnisse:

"Am 17. Juli 1915 bin ich ins Feld gekommen. Mit dem 3. Regiment ging es von Augsburg aus durch das Rheinland nach Belgien, wo wir endlich am 20. Juli in Peronne, unserer vorläufigen Endstation, ausgeladen wurden. Nachdem wir Verpflegung erhalten hatten, mussten wir abends um 9 Uhr noch weitermarschieren. Nach einem 25 km langen Marsch erreichten wir die Ortschaft, wo das 2. bayerische Infanterieregiment im Quartier lag, zu dem wir als Nachschub gehörten. Ich wurde zum 1. Bataillon eingeteilt, das gerade abends von der Stellung retourgekommen war, um sechs Tage auszuruhen. Am 28. Juli 1915 ging dann mein Bataillon wieder in Stellung. Das war mein erstes Mal, dass ich den Schützengraben sah. Wir Jungen machten ein schreckliches Gesicht, als wir die Kugeln pfeifen hörten. Nach zwölf Tagen Stellung wurden wir abgelöst und kamen wieder für sechs Tage zurück ins Ruhequartier. Am 4. September 1915 verließen wir diesen Frontabschnitt, um an der Herbstoffensive in Arras teilzunehmen. Wir hatten sehr viele Verluste. Bei einem Sturmangriff wurde ich am 20. Januar 1916 bei Vimy durch einen Grantssplitter am Kopf verwundet. Von den vierzehn Wochen im Lazarett verbrachte ich die letzten neun Wochen in Lüttich. Kaum war meine Wunde geheilt, wurde ich wieder zu meiner Kompanie entlassen, die sich nicht mehr in der Stellung von Arras befand, sondern seit einem Monat in Verdun eingesetzt war. Die Kompanie hatte 187 Mann Verlust zu beklagen. Am 21. Juli 1916 wurden wir nach St. Mihiel verlegt und nahmen am 4. Oktober 1916 an der Somme-Offensive teil. Am 4. November 1916 kamen wir wieder nach St. Mihiel, in das sogenannte scharfe Eck, zurück. Von dort ging es am 6. April 1917 zur Aisne-Offensive. Nachdem ich auch dort gut durchgekommen war und am 17. Juni 1917 das Eiserne Kreuz erhalten hatte, bezogen wir am 25. Juli 1917 Stellung in der Champagne. Als wir am 27. Dezember 1917 von den Kämpfen zurückkehrten, hatten wir drei Wochen Ruhe um anschließend in die Argonnen verlegt zu werden. Dort blieben wir einen Monat. Nach einer Ruhepause von drei Wochen wurden wir am 21. März 1918 in der großen Offensive bei St. Quentin, der großen Schlacht in Frankreich, eingesetzt. Gleich am ersten Tag bekam ich eine Gasvergiftung und wurde nach Frankfurt am Main ins Lazarett eingeliefert".

Hier enden die Eintragungen. Mein Vater hatte großes Glück, dass er, genauso wie seine zwei Brüder, audiesem schrecklichen Krieg mit dem Leben davongekommen ist. Seine Kriegserlebnisse begeleiteten ihn, besser gesagt, verfolgten ihn ein Leben lang.

Hans Lehrer

Bilder aus jener Zeit