Aberglaube

Viele Menschen sind nicht bloß gläubig, sondern auch mehr oder weniger abergläubisch. Wenn sie auch nicht gar zu viel vom glücksbringenden vierblättrigen Kleeblatt halten und im Kaminkehrer nicht unbedingt einen Glücksboten sehen, haben sie doch ein ungutes Gefühl, wenn ihnen eine schwarze Katze über den Weg läuft. Will jemand noch das nächste Weihnachtsfest erleben, zu denen auch ich gehöre, ist es ratsam, dass seine Wäsche zwischen Weihnachten und Neujahr nicht gewaschen und zum Trocknen aufgehängt wird. Oft sieht man die Ursache eines Missgeschicks darin, mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bett gestiegen zu sein. Ganz zu schweigen, vom Freitag dem dreizehnten.

Das alles sind Reste eines Aberglaubens, der in früheren Zeiten noch viel ausgeprägter gewesen sein muss. Ich wollte es genauer wissen und habe in den alten Büchern geblättert. Es ist kaum zu fassen, aber die letzte Hexe wurde erst am 17. September 1701 in München mit dem Schwert hingerichtet und ihr Körper verbrannt. Dabei handelte es sich um die siebzehnjährige Wachtmeisterstochter Theresia Kaiser von Pfaffenhofen a der Ilm. Sie bekannte auf der Folter, ihre Base Elisabeth habe sie schon in ihrem elften Lebensjahr in der Thomas-Nacht auf das Hochgericht zum Hexentanz mitgenommen. Dort habe man getanzt, die Tanzenden aber seien nackt gewesen. Später habe sie öfters mit dem Teufel Unzucht getrieben und er sie zu Diebstahl und Mord zu verleiten gesucht.

Das von Kurfürst Max Joseph am 13. April 1746 erlassene Landgebot bestrafte jeden, der den Teufel wie Gott anbetete, mit dem Feuertod, und wenn er Menschen, Vieh oder Früchten durch Zauberei Schadenzugefügt, auch noch mit "Zwicken und glühenden Zangen". Wer Zauberer oder Wahrsager um Rat anging, ihnen Glauben oder Beifall schenkte, wurde des Landes verwiesen. Wir lesen von manchen Reimsegen zum Schutz von Menschen und Vieh gegen Unglück, von Wettersegen, von Wundsegen, von allerlei Amuletten, von Hemden, die hieb- und stichfest machen, weil das Garn dazu von Kindern unter sieben Jahren gesponnen wurde. Da erfahren wir auch, dass ein Bad am Weichnachtsabend oder Faschingstag gegen Fieber und Zahnweh hilft. Wie in ganz Altbayern, so spielten auch in München vordem die zwölf Rauch- oder Losnächte zwischen dem hl. Christ- und dem Dreikönigstag eine große Rolle. Auch sie waren eine Erinnerung an die Winter-Sonnenwende. In alter Zeit backten die Münchner Hausfrauen in diesen zwölf Rauchnächten ein eigenes Brot, das "Rauchwecken" genannt wurde und eine geheimnisvolle Kraft besitzen sollte. In diesen Nächten hatte man an das Schicksal eine Frage frei. Es wurde vom "Losen" gesprochen, das heißt, sein Los, sein Schicksal erforschen. Zu diesem Zweck goss man geschmolzenes Blei oder wohl auch ein Ei in eine mit Wasser gefüllte Schüssel und suchte aus den dabei gewonnenen Figuren sein Schicksal zu erfragen. In diesen Nächten warfen junge und alte Mädchen, auf dem Boden kauernd und den Rücken zur Tür zugekehrt, ihren Schuh über den Kopf. Wies die Spitze des Schuhs nach der Tür, so verließ dessen Eigentümerin im Laufe des Jahres das Haus als Braut. Frömmere Mädchen erbaten sich in der Nacht des Hl. Antonius von Padua einen Ehegesponsen, dessen Wahl in dringenden Fällen dem Heiligen überlassen blieb. Behielt ein Verstorbener ein oder beide Augen offen, so starb bald ein Angehöriger seiner Familie. Viele verließen sich auf das Wahrsagen aus der Kaffeetasse, auf die beschützende Kraft der Amulette, auf das Kartenlegen oder steckten bei Rheuma drei Kastanien in den Hosensack.

Und sind nun auch diese und ähnliche abergläubischen Gebräuche verschwunden, so schreibt noch heute mancher Familienvater am Tag der hl. Dreikönige mit geweihter Kreide +C + M + B, samt Jahreszahl an alle Türen und räuchert alle Räume mit Weihrauch und mit Wacholderbeeren aus, um dem Teufel, den Hexen und bösen Geistern den Eingang zu verwehren.

Hans Lehrer