Abschied vom Dorf

Abschied von der Kindheit, Abschied vom Elternhaus, von der Heimat - Abschied vom Leben. Dieses Wort löst ein gewisses Unbehagen, wenn nicht gar Schmerz aus, bedeutet es doch fast immer, etwas Liebgewordenes loslassen zu müssen.

“Trudering - Abschied vom Dorf?” hieß eine Ausstellung. Da ist es schon wieder, jenes Unbehagen; denn dieses Dorf, oder was davon noch übrig blieb, ist meine unmittelbare Heimat. Hier verbrachte ich eine glückliche Kindheit. Vor zweihundert Jahren sind Vorfahren meines Vaters, die aus der Rheinpfalz stammten, in Kirchtrudering zugewandert und hier ansässig geworden. Sie waren für lange Zeit die einzige evangelische Familie im Ort. Doch nie gab es einen Unterschied oder eine Ausgrenzung. Auch sie hängten auf Fronleichnam die roten Tücher aus den Fenstern, wie es halt im katholischen Bayern der Brauch ist, bekannten sich zu ihrer Religion im Stillen, lasen zu Hause in ihrer Bibel und spannten ab und zu ein, um in der Stadt, später in Perlach, zum Abendmahl zu gehen und eine Predigt zu hören. Ihre Kinder wurden in der katholischen Dorfkirche Peter und Paul getauft, weil seinerzeit die evangelischen Pfarrer auf dem Lande noch äußerst rar waren, und ihre Toten fanden die letzte Ruhestätte genauso auf dem Kirchfriedhof, wie ihre katholischen Nachbarn auch. Mit der Zeit brachten sie es zu bescheidenem Wohlstand, blieben aber Kleinbauern ihr Leben lang und waren trotzdem geachtete Leute.

Lange Zeit war mir jeder Winkel meiner dörflichen Umgebung vertraut. Von jedem Haus wusste ich den Hofnamen und kannte alle seine Bewohner. Blühende Felder und Wiesen prägten neben behäbigen Bauernhäusern und einem von weitem sichtbaren Kirchturm das Dorfbild. Neben schwerer Arbeit bestimmten Brauchtum und Geselligkeit, an denen auch wir Kinder uns schon lebhaft beteiligten, den Ablauf eines jeden Bauernjahres. Nachdem das Dorf bereits 1932 eingemeindet worden war, ist es heute endgültig Teil der Großstadt. Auf seinen weiten Fluren entstehen immer mehr Häuser und Gewerbebetriebe. Jährlich werden Tausende von Kubikmeter Boden ausgehoben. Neue Straßen werden gebaut und trotzdem droht der Verkehr zu ersticken.

Allmählich verliert die Natur ihren Raum zum Atmen. Sogar der alte Dorffriedhof erhält ein großstädtisches Gepräge. Die U-Bahn hat sich tief in den Boden meines Dorfes eingegraben. Gigantisch breitet sich die neue Messestadt am Ortsrand aus. Von den alten Dorfbewohner sind nicht mehr viele am Leben. Bald kann man sie an den zehn Fingern abzählen. Wenn man die Geschichte dieses Dorfes betrachtet, so lebten hier lange Zeit vor Christi Geburt bereits die Kelten, später die Römer, bevor sich die Bajuwaren niederließen. Zahlreiche Bodenfunde legen davon Zeugnis ab. Etwa um 500 n.Chr. siedelte sich ein gewisser Truchtaro mit seiner Sippe an und gab Trudering damit den Namen. Erstmalig wurde unser Dorf in einer Urkunde aus dem Jahr 772 erwähnt.

Trudering liegt an der früher so bedeutsamen Salzstraße nach Wasserburg. Gar manche durchreisende Persönlichkeit verbrachten hier eine Nacht. Im Jahre 1859 war es kein geringerer als Wilhelm Busch, der diesem Ort die Ehre gab, und seine Eindrücke niederschrieb, die durchaus positiv waren. Einmal kehrte ein durchreisender Fotograf beim Wirt in Straßtrudering ein, wo die Bauern gerade bei einem zünftigen Schafkopf beisammen saßen. Sie gingen auf das Angebot Fremden ein, sich für einen Gulden fotografieren zulassen. Sparten sie sich doch den Weg in die Stadt, wenn sie ein Bild haben wollten. Einer nach dem anderen ließ sich abfotografieren und bezahlte brav seinen Gulden. Der Fotograf kehrte in die Stadt zurück und versprach, die Bilder vorbeizubringen. Sein Kastl ließ er als Pfand zurück. Die Bauern warteten drei, vier Tage und glaubten nach einer Woche, dass er krank geworden sei.

Als nach zwei Monaten ihr Geduldsfaden endgültig riss und sie nicht mehrlänger warten wollten, hoben sie das schwarze Tuch vom Gestell, das der Wirt in seiner Schlafkammer wie einen Schatz gehütet hatte und waren schon arg verlegen und enttäusch, als darunter ein Nagelkistl zum Voschein kam, mit dem sie hereingelegt worden waren. Das sprach sich schnell herum und überall wo die Truderinger hinkamen, wurden sie gefragt, ob sie auch das Nagelkistl dabei hätten. “Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.”

So gäbe es noch viele solcher Dorfgeschichten und Anekdoten, aber bald niemanden mehr, der sie weitererzählt.

Hans Lehrer