Adele Spitzeder

Zu den Persönlichkeiten, die vor mehr als hundert Jahren die Gemüter der hiesigen Stadt- und Landbevölkerung bewegten, gehört zweifellos auch der Name “Adele Spitzeder”. Die von ihr gegründete Bank wurde nach dem Siebziger Krieg, freilich nur für kurze Spanne, eine wirtschaftliche Großmacht in München. Sie selbst jedoch war eine finanzielle Abenteuerin, wurde in drei Jahren die reichste Frau Bayerns und verlor an einem Tage alles. Adele war am 9. Februar 1832 in Berlin geboren, hatte aber einen großen Teil ihrer Jugend in München, wo ihre Eltern am Hoftheater spielten, verlebt. Dem Beispiel ihrer Mutter folgend wurde sie Schauspielerin, konnte aber nirgendwo Fuß fassen. Im Herbst 1868 kam sie völlig mittellos nach München. Wie es mit ihr weiterging, erzählte sie selbst in ihrer Lebensgeschichte: “Durch meine frühere Holzfrau wurde ich mit der Frau eines in der Au wohnenden Zimmermanns bekannt, die mir nicht nur ihre eigenen 50 Gulden als Darlehen anvertraute, sondern gegen Provision auch das Geld anderer Leute brachte. Alle diese Gläubiger erhielten von mir 10 Prozent per Monat. Als sich diese Geschäfte herumsprachen, mehrten sich die freiwilligen Gelddarleiher nach und nach ins Unendliche, so dass ich es in der Folge mit einer wahren Kreditlawine zu tun bekam, die mich förmlich betäubte, jedoch sich weder dämmen noch sonstwie aufhalten ließ.”

In den Vorstädten Münchens hoben die kleinen Leute ihre Sparguthaben in einem Umfang ab, der den Kassen, die jährlich nur vier Prozent Zins zahlten, Sorge bereitete. In der inneren Stadt kündigten die Dienstboten ihre Stellung und lebten vom Zutreiberdienst, den die Spitzeder mit sieben Prozent des einbezahlten Geldes entlohnte. Bereits um 4 Uhr in der Früh saßen die Leute auf den Randsteinen der Straße und warteten darauf, ihr Geld loszuwerden. Ein altes Mütterchen hielt ihren Schurz krampfhaft mit beiden Händen fest - sie hatte ihre Spargroschen darin. Milchmädchen und Bäckerlehrlinge, die ihre Ware austragen sollten, blieben stehen und hofften auf einen günstigen Augenblick, ihren Jahreslohn anlegen zu können. Sogar die Bauern der Umgebung kamen schon in Tagesmärschen an, um ihr Bargeld bei dem “guten Engel” abzuladen. Besonders im Bezirksamt Dachau griff das Fieber rasch um sich. Viele Bauern verkauften Haus und Hof, um von den hohen Zinsen der Spitzeder “privatisieren” zu können. Zu Ehren dieser Kunden aus Dachau hatte Adele ihr Unternehmen “Dachauer Bank” getauft.

Der kaufmännische Betrieb machte ihr nicht viel Kopfzerbrechen. Jeder Einleger erhielt sofort seine zwanzig Prozent als Zins für die ersten zwei Monate ausgehändigt, und die dritte Rate zu zehn Prozent wurde zum Kapital gebucht und weiter verzinst. Die Bücher konnten nicht genau geführt werden; denn an manchen Tagen gingen allein 100 000 Gulden in bar ein. Bargeld sammelte sich an, mit dem nichts anzufangen war. Es wurde teils “verlebt”, teils von den Zinsen aufgezehrt. Sonst ging freilich alles nach Wunsch. Man machte ein Loch auf, um das andere zu schließen. Die Spitzeder gab mit vollen Händen aus und verschenkte oder stiftete auch viel. “Aus dem Volk für das Volk!” war über der Spitzederschen Volksküche am Platzl zu lesen. Hier wurde jeder um so billiges Geld verpflegt, dass Adele noch große Summen zuschießen musste. In der Schönfeldstraße erwarb sie ein eigenes Haus und bewohnte mit ihrer “bedenklichen” Freundin die sechs Zimmer im ersten Stock, die mit Kruzifixen, Heiligenbildern, ewigen Lampen und Hausaltären mehr als andächtig herausgeputzt waren. Sie hängte sich, für alle sichtbar, ein goldenes Kreuz um den Hals und ging fleißig in die Kirche, was von der Geistlichkeit durchaus gewürdigt wurde.

Mitte November 1872, nach einem dreijährigen Leben in dulci jubilo, kam der tiefe Sturz ins Dunkel. Von Seiten der Bayerischen Regierung, aber auch vom geistlichen Oberhirten der Diözese wurde vor allen Geschäften mit der “Dachauer Bank” und ihrer Inhaberin gewarnt. Bald aber erhob die Staatsanwaltschaft Anklage. Adele Spitzeder wanderte ohne viele Umstände ins Untersuchungsgefängnis und war wegen der Auswirkung ihrer Schwindeleien vielleicht schon so rat- und hilflos, dass ihr eine Verhaftung noch das Willkommenste war. Ihr Fall kam erst im Juli 1873 vor das Schwurgericht. Wegen betrügerischen Bankrotts wurde sie zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Sie saß diese Zeit ab und verschwand zunächst ins Ausland, ehe sie wieder nach München zurückkehrte. Begraben liegt sie auf dem Alten Südl. Friedhof.

Die Liquidation der “Dachauer Bank” wies eine Überschuldung von mehr als fünfzehn Millionen Gulden auf. Über 30 000 Gläubiger meldeten ihre Forderungen bei der Konkursverwaltung an, doch die meisten gingen leer aus.

Hans Lehrer