Allerlei Brot

“Unser tägliches Brot gib uns heute” beten wir im Vaterunser und bitten Gott um diese Gabe. Brot ist so heilig und verehrungswürdig, dass wir bei frevelhaftem Gebrauch die Strafe Gottes fürchten müssen. Brot darf niemals weggeworfen werden. Bleiben einmal Reste übrig, so kann daraus durchaus eine schmackhafte aufgeschmalzene Brotsuppe zubereitet werden. Aber auch die Brotbrösel dürfen nicht einfach so auf den Boden fallen. Als Opfergut für die armen Seelen wirft man sie am besten ins Feuer. Auf Brot gar zu treten ist eine schwere Sünde, die unweigerlich Unglück nach sich zieht. “Wer mit dem Brot wirft, kommt nicht in den Himmel” heißt es im Sprichwort. Zahlreiche Volkssagen berichten von furchtbaren Bestrafungen der Brotschänder.

Brauchtum und Brot sind eng miteinander verbunden, so auch bei uns in München. Ein Bürger dieser Stadt, Burghard Wadler hieß er wohl, spendete im Jahre 1318 an das hl. Geistspital “63 Pfund Pfennige”, ein Betrag, der wohl ausreichte, um von den Zinsen unter anderem am Johannistag zu Weihnachten drei Pfund Brezeln zu kaufen und in einen Sack zu stecken. Ein Knecht des Spitals ritt damit um Mitternacht auf einem Schimmel mit lockeren Hufeisen durch die Stadt und teilte die Brezen unter dem Rufe aus:

“Ihr jung und alte Leut,
Gehts hin zum heiligen Geist,
Wo man die Wadler Pretzen ausgeit!”

Und das geschähe vielleicht heute noch, hätte nicht im Jahre 1801 der Pöbel den Knecht, als er schließlich keine Brezen mehr hatte, vom Schimmel gerissen, worauf die Polizei dem uralten Brauch ein Ende machte.

Ursprünglich war die Breze ein Fastengebäck. “Die Fastenbrezen” wurden wirklich nur in der Fastenzeit, die mit dem Vorfrühling zusammenfällt, gebacken. Diese hatten ihre Herkunft wiederum einem alten Opferbrot zu verdanken, das in der Form des aufsteigenden Sonnenrades am Frühlingsanfang zur Feier der wiederkehrenden Sonne und des Wiedererwachens ihrer alles belebenden Kraft einst gebacken worden war. Auch zu anderen Zeiten gab es absonderliches Brot. So hatte das Brot zu Ostern mitunter auch die Gestalt von Hasen mit einem roten Ei im Gesäß. Während das Ei früher einmal der Frühlingsgöttin Ostara geweiht war, galt der Hase noch lange Zeit als Symbol der Fruchtbarkeit. Nicht nur Kirchweih hatte ein eigenes Brot. Da gab es auch zu Weihnachten das Hutzel- und Kletzenbrot, hergestellt aus einem mit süßem Obst und anderen Früchten gemengtem Teig. Durch die Erlaubnis es anzuschneiden, gestattet das Mädchen ihrem Verehrer förmliche Bewerbung. Am Allerseelentag beschenkte man Paten- und andere Kinder mit feinem Brot in Form eines Zopfes, daher Seelenzopf genannt. Am Tage der unschuldigen Kinder warteten die jungen Mädchen den Junggesellen mit Lebkuchen und Pfefferkuchen auf. An den Tagen des Dienstbotenwechsels, der früher ausschließlich zu Lichtmess, Georgi, Jakobi und Michaelis stattfand, erhielten die austretenden Dienstboten zum Abschied einen Laib Brot, den sogenannten Schlenkellaib. An den Schlenkeltagen nun pflegten die ihre Stelle wechselnden Dienstmädchen mit ihren Liebhabern beim Lebzelter Thumberger in der Neuhausergasse sich einzufinden, tranken Met und verzehrten dabei kleine Lebkuchen, die auch “Schifferl” genannt wurden. Auch am ersten Sonntag nach Ostern, dem sogenannten Weißen Sonntag, führte der Bursch sein Mädel eben dorthin zum Met, um sich “schön” und “stark” zu trinken. Dabei durften auch die Schifferl nicht fehlen.

In der Klöpfelsnacht, der letzten der zwölf Rauchnächte, erhielten die Dienstmägde von den Metzgern, Bäckern, Krämern und andren Gewerbetreibenden, bei denen sie ihre Einkäufe zu machen pflegten, ebenso auch die Handwerksjungen von den Kunden ihrer Meister Kletzenbrot und ein kleines Geldgeschenk. In derselben Nacht zogen auch Scharen von Kindern durch die Stadt, klopften an die Türen von Bekannten und erhielten, nachdem sie ihre Verslein gesungen hatten, von der Hausfrau bereitwillig die gewünschten Küchel.

In der herzoglichen, später kurfürstlichen “Hofpfisterei” wurde auf Verlangen des Hofes das Studentenbrot ausgegeben, wobei als Vergünstigung an arme Studenten jedes Monat 2 826 solcher Hoflaibl verteilt wurden. Von der Hofpfisterei erhielten früher auch am Josefitag zur Ehre Jesu, Maria und Josef drei Personen und am Gründonnerstag zwölf alte Männer und ebenso viele Mädchen ihr “Speisbrot”.

Mit steigendem Wohlstand und Änderung der Lebensgewohnheiten hat das Brot viel von seiner Bedeutung als lebenserhaltende Speise eingebüßt. “Brot macht dick”, sagen viele Leute. Angesichts der großen Hungersnöte auf der Welt, werden wir allerdings nachdenklich und bekommen ein ungutes Gefühl, wenn wir am Boden oder im Abfall ein Stück Brot oder eine Semmel liegen sehen.

Hans Lehrer