Allerseelen

“Oh Herr, gib allen armen Seelen die ewige Ruhe ...“, ist der Anfang eines Gebetes, das mir seit meiner Kindheit wohl vertraut ist. Ich glaube fest daran, damit für die Verstorbenen beim Herrgott ein gutes Wort einzulegen, dass sie einst erlöst werden und seine Herrlichkeit schauen dürfen. Andererseits flehe ich oftmals am Tage die armen Seelen um Hilfe an, wenn es mir schlecht geht, oder etwas verloren habe; denn ich glaube auch daran, dass sie die Kraft besitzen, mir aus dem Jenseits zu helfen.

Im Jahr 998 wurde von Odilo von Clugny in allen Benediktinerklöstern ein allgemeines Seelenfest am 2. November angeordnet und 1006 von Papst Johannes XIX. für die ganze katholische Christenheit eingeführt. Im Volksglauben und -brauch werden auch die umliegenden Tage mit einbezogen. So dauert die bayerisch-österreichische Seelenzeit vom 30. Oktober bis zum 2. November. In der Oberpfalz freuen sich die Seelen das ganze Jahr auf diesen Tag und zeigen sich oft 14 Tage vorher als kleine Lichtlein, damit man ihnen zu Hilfe kommt. Die Seelen haben schon vom Mittagsläuten am Allerheiligentage an Freiheit, das Fegefeuer zu verlassen und ihre alten Wohnungen wieder aufzusuchen. Am andern Morgen beim ersten Läuten müssen sie wieder von dannen. Mit dem Glockengeläut aber will man die flehenden Stimmen der Verstorbenen versinnbildlichen, so dass im Klang der Glocke ihr Hilferuf; "Lasst's mich aus!" zu hören ist.

Schon am Tage Allerheiligen werden die Friedhöfe gereinigt und die Gräber geschmückt. Am Abend beginnt der Besuch. Die Gräber werden, um die Qualen der Seelen im Fegefeuer zu lindern, mit Weihwasser besprengt und es werden Kerzen oder Lämpchen darauf angezündet. An Gräbern von Selbstmördern darf kein Licht brennen, sonst werden die Kinder wieder Selbstmörder. Die Lichter sollen die Seelen anlocken und ihnen den Weg zum Ruheplatz ihres Körpers weisen; man sagt auch wohl, dass sie sich daran wärmten. Und schließlich soll das angezündete Licht auf den Gräbern auch die bösen Geister vertreiben. Daheim betet man vor brennenden Lichtern für die Ruhe der Seelen; ... “und das ewige Licht leuchte ihnen, Herr lass sie ruhen, in Frieden, Amen!”

Hans Lehrer