Alter schätzen

Alter schätzen Als ich vor ein paar Jahren das Gaufest des Oberen Lechgauverbandes in Wies mit der herrlichen Wallfahrtskirche im Hintergrund besuchte, kam im Festzelt ein alter Trachtler zu mir an den Tisch. Wir unterhielten uns angeregt, und er fragte mich schließlich, wie alt ich ihn schätzen würde. Ich schaute ihn mir genau an und wollte ihn nicht älter machen, als er tatsächlich war. “Bist vielleicht 81 Jahr’ alt”, fragte ich ihn verschmitzt, um nur ein Alter zu nennen. Konnte ja sein, dass er den Achtziger schon auf dem Buckel hatte. Seltsam lächelnd schüttelte er den Kopf. “Nein, woher denn, 95 Jahr’ bin ich schon alt!” So gut wie der noch beieinander war, konnte man ihm dieses hohe Alter wirklich nicht ansehen. Er begann aus seinem Leben zu erzählen, wie das alte Leute gerne machen, und ich horchte ihm, soweit das bei der lauten Blasmusik im Zelt möglich war, aufmerksam und interessiert zu. Anton Bußjäger hieß er und stammte aus dem Veitanwesen in Wildsteig. Am 28.6.1998 vollendete er sein 95. Lebensjahr. Er war einer der dreizehn jungen Burschen, die am 12. März 1924 den Trachtenverein “Alpengruß” in Wildsteig gründeten. Bereits vorher war er schon Mitglied beim Gebirgstrachten-Erhaltungsverein “Die lustigen Oberlandler” Wies. Im Jahre 1927 wurde er Vereinsvorplattler. Von 1952 - 1966 war er Vereinsvorstand. Während dieser Tätigkeit wurde unter seiner Leitung am 14./15. Juli 1962 das 42. Obere Lechgaufest in Wildsteig durchgeführt.

Es waren ihrer zehn Geschwister daheim, verriet er mir. Sein älterer Bruder, der Xaver, ebenfalls Gründungsmitglied des Vereins und erster Schriftführer, starb vor einiger Zeit mit 98 Jahren. Die Bußjäger scheinen wirklich eine gesunde Rass’ zu sein. Zählte man ihr Alter zusammen, brachten sie es irgendwann einmal gemeinsam auf 750 Jahre. Vierzig Jahre war der Anton Bußjäger bei der Blechmusik dabei, und hie und da, wenn ihn die Freud’ packt, bindet er auch noch einen Gamsbart. Dass er früher sogar ein Wildschütz war, ließ er augenzwinkernd durchblicken. Seine erste Lederhose hatte er sich geschossen. Ein stattlicher Hirsch war ihm damals vor die Büchs’ gekommen.

Ich kam aus dem Staunen nicht heraus. Wieder einmal hatte sich bewahrheitet, dass man auf den Trachtenfesten die interessantesten Leute kennen lernen kann. Man muss sich halt etwas umschauen und sich auch gerne dazusetzen. Nachzutragen wär' noch, dass der Anton Bußjäger nicht mehr seinen 100. Geburtstag erlebte und vom Boandl Kramer kurz zuvor in den boarischen Himmel entführt wurde.

Hans Lehrer