Auf dem Watzmann

Der neue Freund meiner Tante hieß Franz Geh. Sie war verliebt in ihn und er wiederum vernarrt in die Berge. Also wurde auch sie in Gottsnam zur leidenschaftlichen “Gipfelstürmerin”. Im Jahr 1932 schrieb sie folgendes Bergerlebnis auf:

“Es ist Sonntag, der 31. Juli, als wir in München den Zug nach Berchtesgaden beteigen. Wir freuen uns auf den herrlichen Morgen, schauen in die wellige, frische Landschaft hinaus und können es kaum erwarten, dass die Berge in die Höhe wachsen. Endlich erreichen wir gegen halb elf Uhr Berchtesgaden, und ich seh zum ersten Mal den Watzmannstock, den Hohen Göll und das Steinerne Meer. Wunderschön ist dies alles rundum gruppiert und der Watzmann, das ist schon ein ganz ein mächtiger, und eine Fernsicht muss es da oben geben! Um 12Uhr mittags, in der größten Hitze machen wir uns auf den Weg zum Watzmannhaus. Anfangs führt der Weg durch Laub- und Nadelwälder schön breit und gemächlich hinauf, allerdings gewinnen wir in den ersten Stunden nicht wesentlich an Höhe. Als wir aus dem Waldschatten auf die Almwiesen herauskommen, schlägt uns die Hitze fast um, und die Luft flimmert über dem Boden. Mich macht diese Temperatur sehr matt. In Schweiß gebadet marschieren wir dahin und kommen nach einer Weile an Almen vorbei, wo es Wasser gibt. Ach, tut das gut! Unter einem Baum rasten wir ausgiebig; denn nun beginnt ja erst die Hauptsteigung. Bisher haben wir ein ganz ungewöhnliches Schneckentempo gehabt, und mein Begleiter meutert schon, wie ich so schleiche. Aber es geht beim besten Willen nicht schneller. Mir ist, als ob mir die Luft ausging. - Von unserem Baum aus haben wir eine schöne Aussicht auf den Hohen Göll und die anderen Berge, und in dem kühlen Schatten erhol ich mich ein wenig. Dann setzen wir unseren Weiterweg fort, und mein Begleiter nimmt sogar meinen Rucksack auf den seinen und startet mit scharfem Tempo voraus, ich mit bleiernen Füßen hinten nach, wobei der Abstand zwischen uns beiden immer mehr zunimmt. Endlich kommen wir in größere Höhe und dann wird die Luft auch etwas kühler, aber ich muss doch bei jeder Serpentine rasten und vor meinen Augen tanzen Funken. Nach geschlagenen fünf Stunden kommen wir zum Watzmannhaus. Ich wanke gleich in den Schlafraum hinauf, wo ich wie eine Streichwurst auf die Matratze fall und alle viere von mir strecke. Dann muss ich so diverse Predigten über mich ergehen lassen, vom Wettrennen der blinden und lahmen Mannschaft vom Josefs-Spital und dass ich vom Alpinismus keinen Dunst habe, usw. Mich rühren nicht einmal mehr diese Stichelein, so hin bin ich. Es wird halt an der Hitze und am Höhenunterschied liegen.

Montag, 1. August

Am nächsten Morgen um halb fünf Uhr klopfts an die Tür, und ich bin schnell heraußen, da ich fast so die ganze Nacht nichts geschlafen hab. Nach einem kurzen Frühstück brechen wir zum Gipfel auf. Es ist ein wunderbares Wetter, angenehm kühl und rein die Luft. Welch eine Erleichterung im Gegensatz zu gestern, wo ich mich so heraufschinden musste. Ganz schnell und leicht geht’s dahin. Das ist schon was anderes! Hab ich Höhenluft geschnuppert und den Fels? In einer Stunde sind wir bereits am Hocheck. Rasch turn ich am Drahtseil hin und her. Meinen Begleiter seh ich schon längst nicht mehr, vielleicht ist er bereits drüben am Gipfel. In meiner hastigen Kletterei achte ich kaum auf den Weg, versteig mich ein paar Mal und nehm mir fast keine Zeit, den wundervollen Tiefblick wahrzunehmen, der sich rechts und links auftut. Während wir später auf dem Gipfel noch die Rundschau genießen, kommen schon die nächsten Gruppen und wir schleichen uns. Mein Begleiter bekommt wieder das wilde Getue und ist bald irgendwo in den Felsen verschwunden, und ich klettere in größter Eile hinten nach. Jetzt nehm ich mir aber Zeit, um einen Blick hinüber auf die Blaueisgruppe zu tun, die mit dem Hochkalter drüben thront. Auch wo ein Blick zur Ostwand manchmal frei wird, bleib ich stehen. Dann hetz ich wieder weiter, die Zacken hinauf und hinunter. Am Hocheck wartet mein Tourenkamerad auf mich. In einer halben Stunde, etwas um halb neun Uhr , sind wir am Haus unten. Es ist ein Wettrennen über die kleinen Kare und Schrofen, wobei wir uns fast überpurzeln; die letzten Wiesen gehts grad hinunter, dass die Steine spritzen. Da ists plötzlich wieder so heiß und ungemütlich, auch sticht die Sonne so herunter. Wir verkriechen uns ins Haus hinein, essen alles mögliche, damit der Rucksack leichter wird und pelzen uns dann draußen an schattigen Hängen. Ah, da weht ein feines Winderl, das gut tut. Wir liegen schläfrig da und tun so, als ob es für uns keine Zeitrechnung gäb. Aber dann fällt uns wieder die große Mittagshitze von gestern ein - heut ist es noch schwüler und gewittrig obendrein - deshalb ziehen wir es vor, jetzt schon aufzubrechen.

Beim Abstieg kommt mir die Sage vom König Watzmann in den Sinn, der mit Weib und Kind einst jagte und wegen seiner Greueltaten in Stein verwandelt wurde. Seitdem ragen die starren Felsenkörper hinein in den blauen Himmel und sind zu einem Wahrzeichen im Berchtesgadener Land geworden -und für mich zu einem einmaligen Bergerlebnis ... “

Hans Lehrer