“Daheim” in Benediktbeuern

Daheim in Benediktbeuren
Onkel Ludwig - Pfingsten 1958
59 Jahre alt - im Mühlecker Moor
Meinen Onkel hatte es im 1. Weltkrieg ganz bös’ erwischt. Mit achtzehn Jahren erlitt er in Frankreich einen Kopfschuss, den er wie durch ein Wunder überlebte. Zeit seines Lebens waren die Verletzungsspuren, ein Loch in der Schädeldecke, über dem sich ein dünnes Häutchen gebildet hatte, sichtbar. Nach Kriegsende kehrte er nicht sofort auf den väterlichen Hof, den sein ältester Bruder übernehmen sollte, heim. Damit aus ihm etwas wurde, besuchte er die Landwirtschaftliche Kreis-Winterschule in Wolfratshausen und fand in Benediktbeuern in der Moorkultur eine Anstellung. Die Arbeit war ihm neu und ungewohnt; denn in Kirchtrudering, von wo er herstammte, gab es weder ein Moor, noch wurden Drainagen gezogen. Er lebte sich in Benediktbeuern, das schön langsam zu seiner zweiten Heimat wurde, dennoch gut ein und wohnte im Kellnerhaus in der Bahnhofstraße in Untermiete. Ihm gefielen das Land, die Berge und vor allem die Leute dort, bei denen er sich wohlfühlte.

Später kehrte er auf das elterliche Anwesen zurück, um bei seinem Bruder als Knecht einzustehen. Zum Heiraten kam er nie; denn der Onkel hatte einen argen Fehler, er war ziemlich geizig und teilte nicht gerne. Es war aussichtslos, als kleiner Bub von ihm ein Fünferl oder gar ein Zehnerl zu bekommen. Oder war ihm das Geld zu schade dafür, weil er glaubte, dass ich es sofort verhauen würde? Mindestens einmal im Jahr aber packte ihn das Heimweh nach seinem geliebten Benediktbeuern. Und da er mit der Eisenbahn nicht allein fahren wollte, wurde er ausnahmsweise großzügig und nahm mich öfters dorthin mit. Als ich zehn Jahre alt wurde und keine Fahrpreisermäßigung mehr bekam, sollte ich beim Billettkauf, falls man mich fragen würde, ruhig sagen, dass ich erst neun sei, um Geld zu sparen. Ja, schlau war mein Onkel schon, obwohl er mich damit zum Schwindeln angestiftet hatte. In der schlechten Zeit bekam ich von daheim einen Guglhupf für die Fahrt eingepackt, den ich aber nicht im Zug vor all den Leuten essen durfte. Mein Onkel wollte es nicht raushängen lassen, dass es den Bauern gar nicht so schlecht ging. Meistens verließen wir den Zug schon eine Station vor Benediktbeuern, kehrten im Wirtshaus ein, wo sich mein Onkel eine Halbe genehmigte und wanderten dann über das Moor, wobei er mir die Plätze zeigte, an denen er früher gearbeitet hatte. Mir war dabei immer etwas unheimlich zumute; denn ich hatte Angst, plötzlich im weichen Boden zu versinken. Noch schlimmer war meine Furcht vor den Kreuzottern. Meine Mutter hatte mir nämlich weisgemacht, im Moor wimmle es nur so von diesen Schlangen, die sich eingeringelt von der Sonne bescheinen lassen, weil sie die Wärme lieben. Gott sei Dank habe ich nie eine zu Gesicht bekommen. Am Nachmittag besuchte der Onkel die Kellners, seine früheren Hausleute, wo ich von der steinalten Frau Kellner, die bereits über 90 Jahre zählte, ob ihres hexenhaften Aussehens, tief beeindruckt war. Mein Onkel ist schon lange tot. Doch heute bin ich es, der Zeitlang nach Benediktbeuern hat. Wie zu Onkels Zeiten gehe ich die gleichen Wanderwege. Am Nachmittag besuche ich allerdings die Kellners nicht in der Bahnhofstraße, sondern auf dem Klosterfriedhof, wo ich ihr Grab gefunden habe und dort einen Augenblick verweile. Ganz zum Schluss gehe ich zum alten Bahnhofsgebäude, das noch genauso dasteht wie früher, denke an die Zahnschmerzen, die mich als Bub dort einmal geplagt hatten, blicke die Gleise entlang, als ob jeden Augenblick unser Zug mit seiner schnaufenden Dampflok einfahren müsste.

Das war einmal - ich steige in das Auto ein und fahre mit meinen Erinnerungen heimwärts.

Hans Lehrer